Autor: ankedollase

  • Trennung: Warum es sich lohnt, auch die andere Seite zu sehen – ein Blick bis nach Schweden

    Trennung: Warum es sich lohnt, auch die andere Seite zu sehen – ein Blick bis nach Schweden

    Bei einer Trennung tragen beide Seiten schwer. Ich beginne hier mit den Vätern, nicht weil es die Mütter leichter hätten, sondern weil über die Seite der Väter seltener gesprochen wird.

    In meinen Jahren in der betrieblichen Sozialberatung sassen immer wieder Väter an meinem Tisch, manche den Tränen nahe. Ihre Kinder waren meist noch klein, und ein Ende ihrer Lage war über Jahre nicht in Sicht. Nach dem Unterhalt blieb ihnen das Existenzminimum. Viele wohnten in einer Einzimmerwohnung, und ihren Kindern konnten sie kaum etwas bieten.

    Für Besuche der Kinder reichte das nicht: kein eigenes Zimmer, kaum Platz zum Übernachten. Ihre Kinder sahen sie nur ab und an, zu geregelten Zeiten.

    Kleine Einzimmerwohnung mit Küchenzeile, Bett und Esstisch, daneben ein Kinderhochstuhl, durchs Fenster sieht man Altstadthäuser

    Freiwillig kamen die wenigsten. Meist hatten Vorgesetzte oder die Personalabteilung sie geschickt, und das war gut so. Denn finanziell trifft eine Trennung statistisch häufiger die Frauen, das ist gut belegt, und so fällt die Not dieser Väter kaum auf. Was sie tragen, steht in keiner Armutsstatistik: Sie zahlen, verlieren aber den Alltag mit ihren Kindern. Diese seelische Last bekommt wenig Aufmerksamkeit, und Anlaufstellen dafür gibt es wenige.

    Dass sich daran wenig geändert hat, höre ich auch von meinem Mann Christian. Er arbeitet in der IT. In seinem Team gibt es Kollegen, die nie zum gemeinsamen Mittagessen mitgehen. Nicht aus Ungeselligkeit, sondern weil das Geld nicht reicht. Sie sind zahlende Väter.

    Christians Kollegen sind keine Einzelbeispiele. Sie sind das Muster, das ich viele Jahre am Beratungstisch gesehen habe.

    Der Mythos: Bei der Trennung wird verteilt

    Wir stellen uns eine Trennung gern als den Moment vor, in dem alles neu verhandelt wird. Wer bekommt die Wohnung, wer die Kinder, wer zahlt wie viel? Als würde hier entschieden, und als könnte man mit genug Verhandlungsgeschick, einem guten Anwalt oder einem verständnisvollen Gericht ein faires Ergebnis herausholen.

    Die meisten Trennungen, die ich begleitet habe, waren erstaunlich wenig von grossen Gefühlen bestimmt. Es ging um Pragmatisches: Geld, Wohnung, Betreuung. Und genau da zeigte sich, dass das Meiste längst feststand.

    Ein Blick auf die Rechtslage in der Schweiz zeigt, warum. Unterhalt wird nach einem festen Schema berechnet: Zuerst wird für jede Person der Grundbedarf ermittelt, also Grundbetrag, Miete, Krankenkasse, Arbeitsweg. Erst was dann übrig bleibt, wird verteilt. Das Existenzminimum des Zahlenden ist dabei geschützt. Reicht das Geld nicht für zwei Haushalte, trägt das Loch der betreuende Elternteil, notfalls die Sozialhilfe. Der Vater lebt dann exakt auf dem Minimum, die Mutter mit dem Rest. Das ist keine Willkür, sondern Rechnung.

    Auch die Dauer ist geregelt. Wer die Kinder hauptsächlich betreut, muss in der Regel ab der Einschulung des jüngsten Kindes wieder zu 50 Prozent arbeiten, ab der Oberstufe zu 80 Prozent und ab dessen 16. Geburtstag voll. Bis 2018 galt sogar: 50 Prozent erst, wenn das jüngste Kind zehn ist. Der Unterhalt für die Kinder selbst läuft bis zur Volljährigkeit, bei einer Ausbildung bis zu deren Abschluss. Für einen Vater mit kleinen Kindern bedeutet das: viele Jahre am Minimum.

    Die Weichen werden früh gestellt

    Warum leben die Kinder nach einer Trennung meist bei der Mutter? Die Antwort liegt selten in der Trennung selbst, sondern in den Jahren davor. In der Schweiz arbeiten Mütter mit betreuungspflichtigen Kindern im Schnitt rund 55 Prozent, Väter rund 91 Prozent. Wer Vollzeit arbeitet, kann nach einer Trennung nicht plötzlich den ganzen Alltag übernehmen, selbst wenn er es möchte.

    Das hat auch mit der Kinderbetreuung zu tun: Krippenplätze waren in der Schweiz lange knapp und teuer, einen Rechtsanspruch darauf gibt es nicht. Das ändert sich, aber langsam.

    Nach der Trennung wird genau diese Entscheidung für beide spürbar. Er hat das Einkommen, aber keinen Alltag mit den Kindern. Sie hat die Kinder, aber eine Lücke im Lebenslauf. Und die Altersvorsorge? Was während der Ehe in Pensionskasse und AHV angespart wurde, wird bei einer Scheidung zwar hälftig geteilt. Doch geteilt wird eine Vorsorge, die im Wesentlichen einer aufgebaut hat. Am Ende stehen beide schlechter da als Paare, in denen beide durchgearbeitet haben. Bei unverheirateten Paaren fällt selbst dieser Ausgleich weg.

    Das ist die eigentliche Entlastung: Wenn du gerade in einer Trennung steckst und das Gefühl hast, ungerecht behandelt zu werden, liegt das nicht unbedingt an dir, an deinem Ex-Partner, deiner Ex-Partnerin oder am Gericht. Unter den Bedingungen, die die meisten Familien vorfinden, war eure Entscheidung der vernünftigste Weg. Mit einer Trennung rechnet in diesem Moment niemand, und das ist auch richtig so.

    Mit zweierlei Mass: wie wir Mütter und Väter bewerten

    Ein Freund von mir war über viele Jahre alleinerziehend. Er sagte mir einmal, als alleinerziehender Vater bekomme man viel mehr Anerkennung als eine alleinerziehende Mutter, gerade auch von anderen Müttern.

    Ich nehme das auch heute noch zum Teil so wahr. Ein Kollege meines Mannes lebt allein mit seinen Kindern. Seine Frau ist ausgezogen, die Kinder sind mitten in der Pubertät, er arbeitet Vollzeit und ist permanent unter Strom. Für das, was er leistet, bekommt er viel Verständnis und Anerkennung. Stemmen muss er trotzdem alles allein.

    Mir scheint, für Mütter und Väter gelten unterschiedliche Massstäbe:

    • Fürsorge ist bei Männern eine Leistung und bei Frauen eine Pflicht.
    • Gehen ist bei Männern normal und bei Frauen ein Verrat.

    Die Mutter, die auszieht, gilt schnell als Rabenmutter. Der Vater, der betreut, bekommt Applaus. Der Vater, der zahlt, wird dagegen häufig übersehen, denn er erfüllt ja seine Pflicht. Für Pflichterfüllung gibt es keinen Applaus, also auch wenig Verständnis dafür, wenn sie einen an den Rand bringt.

    Der Leidensdruck dieser Väter ist real. Wer den vollen Unterhalt zahlt, die Kinder aber nur jedes zweite Wochenende sieht, trägt ebenfalls schwer: am Geld und am Verlust von Alltag mit seinen Kindern. Viele Väter würden gern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wenn ein Elternteil vor Gericht allein die alternierende Obhut beantragt, also die Betreuung im Wechsel, sind das in der Schweiz fast immer die Väter.

    Immer wieder hörte ich in der Beratung auch: Sie lebt mit einem neuen Partner, der gut verdient, und ich zahle trotzdem vollen Unterhalt. Rechtlich ist das korrekt. Ein neuer Partner beeinflusst höchstens den Unterhalt für die Ex-Frau, und das in der Regel erst nach rund fünf Jahren Zusammenleben. Der Kindesunterhalt läuft unabhängig davon weiter, denn er steht dem Kind zu. So entstehen zwei Zuhause für dieselben Kinder, mit völlig unterschiedlichen Möglichkeiten. Für diese Väter ist das schwer zu akzeptieren.

    Gepackter Kinderrucksack, Kinderschuhe und eine Kinderjacke stehen bereit neben einer Wohnungstür, an der Garderobe hängt eine Erwachsenenjacke

    Ein Blick über die Grenze

    Man könnte meinen, das sei ein Schweizer Problem: zu wenig Kitas, zu viel Tradition. Doch auch in Deutschland, wo es einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz gibt, sind gut 80 Prozent der Alleinerziehenden Mütter. Das ist kaum weniger als in der Schweiz.

    Aufschlussreich ist Schweden, wo ich einen Teil meines Lebens verbringe. Dort sind Väter im Alltag sichtbar. Man sieht sie tagsüber mit Kinderwagen und auf Spielplätzen. Ist ein Kind krank, bleibt ganz selbstverständlich auch der Vater zu Hause. Die Schweden haben dafür sogar ein eigenes Verb: „vabba“, abgeleitet von „vård av barn“, Pflege eines Kindes. Wer vabbt, bleibt beim kranken Kind zu Hause und erhält dafür Geld von der staatlichen Sozialversicherung, Mütter genauso wie Väter. Mein Mann Christian hat erlebt, wie sich Kollegen deshalb kurzerhand abmeldeten. Mir schrieb einmal ein Kundenberater einer Versicherung, er betreue gerade seine Kinder und melde sich morgen wieder. Und bei einer Hausbesichtigung kam der Makler mit seinem Baby vor dem Bauch. In der Schweiz wäre das alles kaum denkbar.

    Mütter und Väter auf einem Spielplatz in einer schwedischen Siedlung im Herbst, ein Vater baut mit einem Kind im Sandkasten, im Hintergrund rote und gelbe Holzhäuser

    Trotzdem beziehen auch in Schweden die Väter nur gut ein Viertel der bezahlten Elternzeit. Und auch dort lebt nach einer Trennung gut die Hälfte der Kinder überwiegend bei der Mutter. Aber 28 Prozent wohnen zu gleichen Teilen bei beiden Eltern. Für diese Väter gibt es kein „jedes zweite Wochenende“. Sie bleiben nach der Trennung im Alltag ihrer Kinder, mit Schulweg, Hausaufgaben und krankem Kind.

    Bezeichnend ist auch die Sprache. Wo wir von Patchwork- oder Stieffamilie sprechen, sagen die Schweden Bonusfamilie: Bonuskind, Bonuspapa, Bonusmama. Wer neu dazukommt, ist kein Ersatz und keine Konkurrenz, sondern ein Gewinn.

    Leicht ist es dort trotzdem nicht. Ich erlebe dort auch Mütter, die nach einem vollen Arbeitstag abends noch den Kindergeburtstag ausrichten. Jedes Modell hat seinen Preis, auch das schwedische.

    Eine Kita allein reicht also nicht. Es braucht das ganze Paket: Elternzeit, die auch Väter nehmen, das Recht, beim kranken Kind zu Hause zu bleiben, und ein Umfeld, in dem das niemand erklären muss. Erst dann können Väter den Alltag wirklich mittragen, und bleiben auch nach einer Trennung mehr als Zahlväter.

    Der Hebel: Die andere Seite sehen

    Wie ein Paar Familie und Beruf aufteilt, lässt sich nicht beliebig ändern. Es hängt an Kitaplätzen, Löhnen, Arbeitgebern und daran, was in einem Land üblich ist. Man kann Nuancen setzen, und es lohnt sich, die Aufteilung ab und zu anzuschauen. Ein Patentrezept gibt es aber nicht.

    Was jeder tun kann, ist etwas anderes: den Blick wechseln. Ob ihr noch zusammen seid oder schon getrennt, stellt euch eine Frage:

    Was bedeutet diese Aufteilung für den anderen?

    Für die Mutter kann die Antwort lauten: Er hat das Einkommen, aber den Alltag mit den Kindern verloren. Für den Vater: Sie hat die Kinder, aber auch eine Lücke im Beruf und in der Vorsorge. Wer das sieht, muss nicht mit allem einverstanden sein, begegnet dem anderen aber mit mehr Verständnis.

    Und wenn die Trennung schon passiert ist? Dann stellen sich andere Fragen: Was lässt sich noch neu verhandeln, und wie vollzieht man eine Trennung so, dass beide handlungsfähig bleiben? Darum geht es in einem der nächsten Artikel.

    Die Grenze: Wenn Reden nicht mehr möglich ist

    Alles, was ich hier beschreibe, setzt voraus, dass beide noch miteinander reden können. Das ist längst nicht bei allen Paaren der Fall. Manche sind so zerstritten, dass jedes Gespräch im Streit endet. Dann kann eine Mediation oder eine neutrale Fachperson helfen, wieder ins Gespräch zu kommen.

    Am äussersten Ende stehen Trennungen, bei denen psychische oder körperliche Gewalt im Spiel ist. Dort geht es nicht mehr um Verständnis für die andere Seite, sondern um Schutz. Wer Gewalt erlebt, braucht fachliche Hilfe, etwa durch eine Opferhilfe-Beratungsstelle.

    Fazit: Beide Seiten sehen

    Bei einer Trennung schaut man in der Regel zuerst auf sich selbst: Was bedeutet das für mich? Das ist menschlich. Die Väter, die zahlen, verlieren etwas, das in keiner Unterhaltsberechnung auftaucht: den Alltag mit ihren Kindern. Die Mütter, die betreuen, tragen ihre eigene Last. Wer ganz oder fast ganz zu Hause war, merkt oft erst Jahre später, was an Berufserfahrung und Vorsorge fehlt. Wer zusätzlich arbeitet, trägt die Doppelbelastung von Beruf und Kindern.

    Dabei hat keiner von beiden etwas falsch gemacht. Die Eltern haben damals nach bestem Wissen und Gewissen entschieden und so, wie es die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen möglich machten. Was das bei einer Trennung bedeutet, zeigt sich erst später. Wer das versteht, kämpft weniger gegeneinander und findet eher eine Lösung, mit der beide leben können. Und Schweden zeigt: Wo der Rahmen es zulässt, bleiben Väter auch nach einer Trennung mehr als Zahlväter.

    Auch in der Schweiz bewegt sich etwas: Mehr Väter reduzieren ihr Pensum, mehr Familien finden einen Krippenplatz. Solche Veränderungen kommen selten nur von oben. Sie entstehen Schritt für Schritt, auch durch jedes Paar, das bewusst hinschaut. Steter Tropfen höhlt den Stein.

    Impulsfragen zur Selbstreflexion

    Diese Fragen kannst du für dich allein durchgehen oder gemeinsam mit deinem Partner oder deiner Partnerin anschauen.

    • Welche Rolle habe ich in unserer Familie übernommen, und wann wurde das eigentlich entschieden?
    • Was bedeutet unsere Aufteilung für den anderen?
    • Welches Bild habe ich von der Mutter, die geht, und vom Vater, der zahlt?
    • Was an meiner Situation ist wirklich ungerecht, und was ist die Folge einer Entscheidung, die wir gemeinsam getroffen haben?

    Wenn du mitten in einer Trennung steckst und Klarheit suchst, was sie für dich und für die andere Seite bedeutet, lass uns in einem Orientierungsgespräch deine Situation sortieren, allein oder gemeinsam als Paar.

    Quellen

  • Vorsorgeauftrag: Warum der Ehering keine Vollmacht ist

    Vorsorgeauftrag: Warum der Ehering keine Vollmacht ist

    Die Annahme, die niemand ausspricht

    Kaum jemand sagt laut: «Wenn mir etwas passiert, entscheidet mein Partner.» Die meisten denken gar nicht so weit. Im Hinterkopf sitzt nur eine stille Annahme: Wir sind verheiratet, das regelt sich dann schon. Diese Annahme stimmt zur Hälfte. Die fehlende Hälfte merkt man erst, wenn es zu spät ist, sie zu regeln.

    Gleich vorweg: Wenn du das noch nicht geregelt hast, bist du in bester Gesellschaft. Niemand setzt sich gern an einem Sonntagnachmittag hin, um aufzuschreiben, was passiert, wenn man selbst nicht mehr denken kann. Das ist kein Versäumnis, das ist menschlich. Aufschieben ist die normale Reaktion auf ein Thema, das man lieber nicht zu Ende denkt.

    Im Artikel «Man stirbt, wie man lebt» habe ich versprochen, auf die praktische Seite der Vorsorge zurückzukommen. Hier ist sie. Ein Thema, ein Dokument, ein Schritt.

    Zwei Generationen, eine Frage

    Meine Eltern sind 83. Ich bin Einzelkind und lebe rund 800 Kilometer entfernt. Wenn bei ihnen etwas passiert, bin ich nicht in einer halben Stunde da. Was mich ruhig schlafen lässt: Sie haben ihre Vorsorge weitgehend selbst geregelt. Ich muss im Ernstfall nicht raten, was sie wollen, und niemand muss sich darüber streiten.

    Und bei mir selbst? Christian und ich sind verheiratet, wir haben ein Haus in Schweden und ein Leben in zwei Ländern. Ich habe Sozialversicherungsrecht studiert, ich kenne die Gesetzesartikel, ich berate Menschen genau zu solchen Fragen. Einen Vorsorgeauftrag haben wir trotzdem nicht.

    Das ist keine Koketterie, sondern der Beweis, dass es nicht am Wissen liegt. Wissen schützt nicht vor Aufschieben. Für die Eltern kümmert man sich, die eigene Vorsorge rutscht nach hinten, weil sie sich nie dringend anfühlt. Bis sie es ist.

    Was der Ehering rechtlich hergibt

    In der Schweiz hat der Ehepartner tatsächlich ein gesetzliches Vertretungsrecht, wenn du urteilsunfähig wirst. Voraussetzung: Ihr lebt zusammen oder er unterstützt dich regelmässig persönlich, und es gibt keinen Vorsorgeauftrag. Das steht in Art. 374 ZGB. Der Haken liegt im Umfang.

    BereichWas dein Ehepartner ohne Vorsorgeauftrag darf
    AlltagRechnungen zahlen, was für den Lebensunterhalt üblich nötig ist
    GeldEinkommen und Vermögen «ordentlich» verwalten, also Konto führen, nichts Grösseres
    PostÖffnen und erledigen, falls nötig
    Haus verkaufen, Hypothek ändern, Vermögen umschichtenNur mit Zustimmung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB)
    Medizinische EntscheideJa, aber erst an dritter Stelle und ohne zu wissen, was du gewollt hättest

    Konkret heisst das: Würde ich morgen urteilsunfähig, dürfte Christian unser Haus nicht verkaufen, ohne bei der KESB um Erlaubnis zu fragen. Und bei medizinischen Fragen müsste er raten, was ich will, während Ärztinnen auf eine Antwort warten.

    Und wer nicht verheiratet ist? Dann ist die Lücke noch grösser. Wer ohne Trauschein zusammenlebt, darf heute in Geldfragen gar nichts, auch nicht nach Jahrzehnten. Ohne Vorsorgeauftrag setzt die KESB eine Beiständin oder einen Beistand ein. Das kann die Partnerin sein, muss es aber nicht. Bei medizinischen Entscheiden kommt die Lebenspartnerin erst an vierter Stelle.

    Was unverheiratete Paare tun können:

    • Gegenseitige Vorsorgeaufträge schreiben. Jede Person schreibt ihren eigenen und setzt darin die andere ein.
    • In der Patientenverfügung den Partner benennen. Wer dort als vertretungsberechtigte Person steht, rückt bei medizinischen Entscheiden an die erste Stelle.
    • An den Todesfall denken. Lebenspartner erben ohne Testament nichts. Das ist ein eigenes Thema, gehört aber auf dieselbe Liste.

    Eine Revision des Erwachsenenschutzrechts, die nahestehende Personen besser einbinden soll, ist im Parlament unterwegs (Medienmitteilung RK-N, August 2026). Darauf zu warten, ist keine Vorsorge.

    Wer in Deutschland lebt: Dort gibt es seit 2023 ein Notvertretungsrecht für Ehepartner (§ 1358 BGB). Es gilt aber nur für Gesundheitsfragen und höchstens sechs Monate. Für Geld, Wohnung, Behörden und Verträge braucht es auch dort ein eigenes Dokument, die Vorsorgevollmacht. Registrieren lässt sie sich beim Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer.

    Leeres Blatt und Füller zum Schreiben eines Vorsorgeauftrags

    Der eine Hebel: ein Blatt Papier und ein Stift

    Der Vorsorgeauftrag ist das Dokument, das die Lücke schliesst. Du bestimmst darin, wer für dich handelt, wenn du es selbst nicht mehr kannst. Und er ist einfacher, als sein Name klingt. Du brauchst weder Notar noch Software.

    Was es braucht:

    1. Von Hand geschrieben. Der ganze Text, von der ersten bis zur letzten Zeile, mit Datum und Unterschrift. Es gelten dieselben Regeln wie beim Testament. Ein ausgedrucktes Formular mit Unterschrift reicht nicht. Alternativ geht der Weg über eine öffentliche Beurkundung.
    2. Drei Bereiche benennen. Wer kümmert sich um dich als Person (Wohnen, Pflege, Alltag)? Wer um dein Geld und dein Vermögen? Wer vertritt dich gegenüber Behörden, Banken und Versicherungen? Das kann dieselbe Person sein.
    3. Eine Ersatzperson. Falls die erste Person selbst ausfällt. Bei Paaren im gleichen Alter ist das keine Nebensache.
    4. Auffindbar machen. Sag deiner Vertrauensperson, wo das Dokument liegt. Beim Zivilstandsamt kannst du zusätzlich eintragen lassen, dass es einen Vorsorgeauftrag gibt und wo er hinterlegt ist.

    Wichtig zu wissen: Der Vorsorgeauftrag gilt nicht automatisch. Wird er gebraucht, prüft die KESB, ob er gültig ist, und setzt ihn dann in Kraft. Gerade deshalb lohnt es sich, ihn sauber zu schreiben.

    Der zweite Schritt ist die Patientenverfügung. Sie regelt, was medizinisch mit dir geschehen soll, und nimmt deinem Partner das Raten ab. Sie darf ein ausgefülltes Formular sein, braucht aber ebenfalls Datum und Unterschrift. Aber eins nach dem anderen: Wer heute nur den Vorsorgeauftrag schreibt, hat mehr geregelt als die meisten.

    Wer lieber mit Vorlage arbeitet: Pro Senectute bietet mit dem Docupass ein Vorsorgedossier für CHF 19 an (zuzüglich Porto). Darin sind Vorlagen für Vorsorgeauftrag, Patientenverfügung, Anordnungen für den Todesfall und Testament, eine Informationsbroschüre und ein Notfallausweis für das Portemonnaie. Die Patientenverfügung füllst du einfach aus. Den Vorsorgeauftrag dagegen musst du von Hand abschreiben, sonst ist er ungültig. Bei Fragen helfen die Beratungsstellen von Pro Senectute.

    Wer in Deutschland lebt: Dort gibt es die Vorlagen sogar kostenlos beim Bundesministerium der Justiz, nämlich die Broschüre «Betreuungsrecht» mit Formular für die Vorsorgevollmacht und die Broschüre «Patientenverfügung» mit Textbausteinen, als Download oder auf Papier. Die Vollmacht muss nicht von Hand geschrieben sein, Ort, Datum und Unterschrift genügen. Kostenlos beraten lassen kann man sich bei der örtlichen Betreuungsbehörde.

    Für morgen: Nimm dir 30 Minuten, ein Blatt Papier und einen Stift. Schreib einen ersten Entwurf. Er muss nicht perfekt sein. Du kannst ihn jederzeit ersetzen, der neueste gilt. Und schau ihn alle paar Jahre wieder an, spätestens wenn sich in deinem Leben etwas Grösseres ändert.

    Fazit: Liebe ersetzt keine Unterschrift

    Der Ehering sagt viel über eine Beziehung, aber wenig darüber, wer im Ernstfall was darf. Das Gesetz lässt deinem Partner den Alltag. Die grossen Entscheide überlässt es der Behörde oder dem Raten. Mit einem handgeschriebenen Blatt holst du dir diese Entscheide zurück.

    Borasios Satz «Man stirbt, wie man lebt» gilt auch hier. Wer heute selbst bestimmt, wer für ihn spricht, lebt selbstbestimmt bis zuletzt. Und erspart den Menschen, die er liebt, das Raten.

    Paar schreibt gemeinsam seine Vorsorgeaufträge

    Christian und ich sitzen gerade selbst dran. Dieser Artikel war unser Anstoss.

    Impulsfragen

    • Wem würde ich heute zutrauen, für mich zu entscheiden, und weiss diese Person das?
    • Was würde mit meinem Haus, meiner Wohnung, meinem Konto passieren, wenn ich morgen ausfalle?
    • Was hält mich wirklich davon ab, diese eine Seite zu schreiben?

    Wenn du merkst, dass dich das Thema mehr beschäftigt als eine halbe Stunde am Küchentisch, weil Eltern, Partner, zwei Länder oder offene Fragen mitspielen, lass uns in einem Orientierungsgespräch sortieren, wo du stehst.

    In den nächsten Wochen geht es hier auch um die Patientenverfügung und um den Notfallordner: was wo liegt und wer im Ernstfall Zugriff hat.

    Quellen

  • Wenn sich die richtige Entscheidung nicht stimmig anfühlt

    Wenn sich die richtige Entscheidung nicht stimmig anfühlt

    Im Sommer 2022 lag ein Jobangebot für meinen Mann Christian auf dem Tisch. Eine gute Stelle bei einer grossen Firma in Schweden. Seit unserer ersten Reise in den Norden ein Jahr zuvor wollten wir genau dorthin. Und wir haben abgesagt.

    Wir hatten es gründlich gemacht. Pro- und Contra-Listen, lange Gespräche am Küchentisch, Ja sagen, Rückzieher machen. Wir liessen uns sogar von Coaches beraten. Die gaben uns eine Übung mit: In Gedanken entscheiden, 24 Stunden so leben, als wäre es beschlossen, und spüren, was passiert. Dann die Gegenentscheidung, wieder 24 Stunden.

    Das Ja fühlte sich irgendwie komisch an. Also sagten wir Nein zu Schweden.

    Wir waren danach wie gelähmt, fühlten uns schlecht. Ich habe tagelang getrauert und geweint.

    Heute weiss ich: Unser Bauchgefühl hat uns nicht getäuscht. Es hat nur auf etwas anderes geantwortet, als wir dachten. Darum geht es hier: wie du eine gute Entscheidung treffen kannst, wenn sich nichts ganz stimmig anfühlt.

    Warten auf grünes Licht

    „Hör auf dein Bauchgefühl.“ „Wenn es richtig ist, weisst du es.“ Solche Sätze hören wir ständig, und sie klingen vernünftig. Also warten wir. Auf den Moment, in dem sich die Entscheidung endlich richtig anfühlt.

    Viele warten sehr lange. Monate, manchmal Jahre. Über eine Kündigung, eine Trennung, einen Umzug. Jedes Gespräch dreht sich im Kreis, und mit jeder Woche ohne Entscheidung wird es zäher. Irgendwann gibt man auf und bleibt, wo man ist.

    Wenn es dir so geht: Das liegt nicht daran, dass du entscheidungsschwach bist oder dich schlecht spürst. Oft liegt es an etwas ganz anderem. An der Frage, die du deinem Gefühl stellst.

    Das Gefühl hatte recht. Die Frage war zu grob.

    Unsere Frage lautete: Wandern wir nach Schweden aus, ja oder nein? Aber in diese Frage spielte viel mehr hinein. Der Krieg in der Ukraine hatte gerade begonnen, die Inflation kam ins Rollen. Der Job lag in Malmö, mitten in der Kornkammer Schwedens, Felder bis zum Horizont. Wir wollten aber Wald und Seen. Und die Stelle selbst passte inhaltlich nicht wirklich.

    Weite Getreidefelder in Südschweden unter hohem Himmel

    Als wir uns das Ja vorstellten, spürten wir all das gleichzeitig. Unser Körper sagte Nein, aber zu diesem Ja, in diesem Moment, an diesem Ort. Wir haben es verstanden als: Nein zu Schweden. Und suchten Alternativen. Ein Haus in Italien, Wohnalternativen in der Schweiz. Einer der Berater hätte uns übrigens gerne eine Immobilie in der Schweiz vermittelt. Auch Berater haben Interessen. Das schreibe ich ausdrücklich als Beraterin.

    Die Absage an diesen Job haben wir nie wirklich bereut. Bereut haben wir das Nein zu Schweden. Mein Weinen war Ausdruck meiner Trauer, dass Schweden in weite Ferne gerückt war. Zwei Signale, zwei verschiedene Fragen, und wir hatten sie zu einer einzigen Entscheidung verschmolzen.

    Die Psychologin Maja Storch beschreibt sehr gut, wie der Körper Situationen bewertet, lange bevor der Verstand fertig ist. Sie nennt diese Signale somatische Marker. Was ich daraus gelernt habe: Der Körper bewertet das Bild, das ich ihm vorlege. Stecken in dem Bild fünf Dinge, antwortet er auf alle fünf auf einmal. Das Gefühl ist dann nicht falsch. Es ist nur nicht die Antwort auf die Frage, die ich zu stellen glaubte.

    Nicht jedes schlechte Gefühl ist ein Nein

    Die Alternativen zerschlugen sich. In Italien wurden wir uns über den Preis nicht einig, in der Schweiz fanden wir nie den Platz, den wir suchten. Nach einigen Monaten beschlossen wir, doch nach Schweden zu gehen. Diesmal mit einer schärferen Frage: der richtige Job in der richtigen Gegend.

    Im Frühjahr 2023 kündigte mein Mann, ohne unterschriebenen Vertrag. Ich bewunderte seinen Mut. Seine Kündigungsfrist war lang, und wir wollten im Herbst umziehen können. Er war sein ganzes Leben auf Sicherheit bedacht gewesen, und jetzt mit 53 so ein Schritt. An dem Tag ging es ihm so schlecht, dass es sogar einem Kollegen auffiel. Es folgten schlaflose Nächte.

    War das ein Nein, ein Bereuen dieses Schrittes? Nein. Es war Angst vor dem Ungewissen. Mit jeder Woche wurde sie kleiner, und das gute Gefühl wuchs. Dass er eine passende Stelle finden würde, bezweifelte Christian danach nie mehr. Im September 2023 war der Vertrag unterschrieben, an einem Ort mit Wald und Seen.

    Mein Weinen und sein Elend fühlten sich beide schlecht an. Aber sie sagten Verschiedenes. Trauer nach einer Entscheidung zeigt oft, was man verloren hat. Angst vor einem Schritt zeigt oft nur, dass viel auf dem Spiel steht. Nur das eine ist ein Hinweis, dass man falsch entschieden hat.

    Was du morgen tun kannst: die Frage zerlegen

    Bevor du deinem Gefühl folgst, frag es genauer: Worauf beziehst du dich eigentlich?

    Nimm eine Entscheidung, an der du seit Langem hängst. „Soll ich kündigen?“ ist selten eine Frage. Meistens sind es mehrere:

    • Will ich weg von dieser Stelle?
    • Will ich in diesem Beruf bleiben?
    • Ist jetzt der richtige Zeitpunkt?
    • Kann ich mir eine Übergangszeit leisten?
    Vier Haftnotizen mit Notizen auf einem Holztisch, eine wird gerade umsortiert

    Schreib jede Teilfrage einzeln auf. Stell dir jeweils das Ja vor und achte darauf, was passiert: Erleichterung, Enge, Unruhe, Trauer. Dann das Nein.

    Oft wird es plötzlich klar. Zum Beispiel: Ja zum Weggehen, Nein zum Jetzt. Das ist keine Unentschlossenheit. Das ist ein Plan.

    Fazit: Das Gefühl ist genauer als die Frage

    Unser Gefühl lag damals nicht daneben. Wir haben es nur zu grob gefragt. Und ein schlechtes Gefühl vor einem grossen Schritt heisst nicht automatisch, dass der Schritt falsch ist.

    Eine gute Entscheidung muss sich vorher nicht immer gut anfühlen. Wenn sich etwas nicht hundertprozentig stimmig anfühlt, frag dich: Was genau stört mich? Wie müsste die Entscheidung aussehen, damit es sich besser anfühlt? Oft ist es nur ein Teil, nicht das Ganze.

    Wenn du seit Monaten an einer Entscheidung festhängst und deine Situation sortieren möchtest, lass uns in einem Orientierungsgespräch darüber sprechen.

    Quellen

  • Ein Glas Wein ist doch kein Problem. Oder?

    Ein Glas Wein ist doch kein Problem. Oder?

    Schweden: Die Hürde im Supermarkt

    Als ich das erste Mal in einem schwedischen Supermarkt einkaufte, stellte ich fest, dass es keinen Wein gab. Im Regal standen nur Folköl, Bier mit höchstens 3,5 Prozent, und ein grösseres Sortiment an alkoholfreien Weinen. Alles Stärkere gibt es nur im Systembolaget, der staatlichen Ladenkette, die als einzige Alkohol verkaufen darf: unter der Woche meist bis 19 Uhr, samstags bis 15 Uhr, sonntags gar nicht.

    Ich trank zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre keinen Alkohol mehr. Wein in Geschäften triggerte mich nicht, aber ich nahm es wahr, und diese Hürde machte mich nachdenklich. Denn sie tut von aussen genau das, was ich mir damals mühsam selbst bauen musste: Sie macht aus dem beiläufigen Griff ins Regal eine bewusste Entscheidung.

    In Deutschland und der Schweiz begegnet man der Flasche Wein an jeder Ecke, im Discounter, am Kiosk, an der Tankstelle. Die Umwelt hat keine Bremse eingebaut. Wer weniger trinken will, muss das allein mit Willenskraft schaffen, immer wieder aufs Neue.

    Schwedischer Supermarkt mit alkoholfreiem Weinangebot

    Schweden ist dabei aber kein Land der Abstinenzler. Am Wochenende wird gefeiert, und eine Flasche Wein ist ein beliebtes Mitbringsel. Was die Hürde verändert, ist weniger die Menge als das Muster: Das unauffällige Glas unter der Woche hat es dort schwerer. Und genau um dieses Glas geht es mir.

    Der Graubereich hat keinen Namen

    Nach medizinischen Kriterien hätte mir niemand eine Abhängigkeit bescheinigt. Ich arbeitete Vollzeit als Beraterin, ging regelmässig ins Gym, lief lange Strecken und absolvierte mehrere Halbmarathons und Marathons. Und trotzdem trank ich regelmässig Rotwein. Mal mehr, mal weniger.

    Das Glas hatte bei mir eine Aufgabe: Es half mir beim Runterfahren nach einem vollen Tag. Am Wochenende gehörte es auch dazu, mit Bekannten oder allein zu Hause. Und als introvertierter Mensch machte es mir Geselligkeit viel leichter. Mit einem Glas in der Hand war ich entspannter, offener, gesellschaftsfähiger.

    Was mich so lange beruhigt hat, war meine Disziplin. Wer so viel leistet und so diszipliniert lebt, hat sicher gar kein Problem. Das Funktionieren war das beste Alibi.

    Dazu kam die Kontrolle. Ich wusste genau, wann ich nicht oder wenig trinken sollte: vor langen Läufen und Trainingseinheiten, vor anspruchsvollen Arbeitstagen. Und ich hielt mich daran. Und genau das ist der Trugschluss, wenn man sich in diesem Graubereich bewegt: Wer Pausen machen kann, hält sich für frei.

    Der ehrliche Test ist ein anderer. Ich habe mehrmals versucht, weniger zu trinken, zum Beispiel nur am Wochenende. Es hat jedes Mal nur kurz funktioniert. Danach war das Glas beiläufig wieder da, beim Kochen, da wurde der Wein sowieso gebraucht, vor dem Fernseher. Und mit der Zeit beschlich mich dieses seltsame Gefühl, dass es eben doch nicht so gut ist. Viele kennen das. Ab 40 steckt man das auch nicht mehr so weg, der Körper verzeiht viel weniger. Man schläft schlechter, wenn man etwas getrunken hat.

    In unserer Gesellschaft kennen wir aber nur zwei Schubladen: süchtig oder nicht. Wer nicht in die erste passt, landet automatisch in der zweiten und hat damit offiziell überhaupt kein Problem. Der Graubereich dazwischen hat keinen Namen. Und was keinen Namen hat, wird nicht wirklich thematisiert.

    Streng genommen war es aus meiner Sicht doch eine psychische Abhängigkeit, eine Gewohnheit, die sich nicht mehr wie Freiheit anfühlte. Und heute weiss ich, dass ich damit nicht allein war. Die Gruppe ist gross. Sehr viele Menschen bewegen sich genau in diesem Bereich: das Glas nach der Arbeit, das Bier zum Abschalten, das Gläschen, das einfach dazugehört. In Filmen wird getrunken, bei Firmenevents, auf Geburtstagsfeiern, überall.

    Dazu kommt eine nüchterne Tatsache: Auch kleine, regelmässige Mengen sind nicht harmlos. Die Weltgesundheitsorganisation hält fest, dass es keine Menge Alkohol gibt, die für die Gesundheit unbedenklich ist. Das Risiko beginnt mit dem ersten Glas, nicht erst beim Rausch. Und die alte Faustregel, Rotwein schütze das Herz, hält nicht stand: Ein Nutzen, der das Krebsrisiko aufwiegt, ist laut WHO nicht belegt.

    Der 8. Oktober 2020: Struktur von aussen

    Dann kam die Coronazeit. Wir sassen zu Hause, und der Abendwein war bei mir zur festen Begleitung geworden. Ich spürte: So geht es nicht weiter.

    Ich habe mir dann eine Hürde von aussen geholt. Ich habe einen Online-Kurs gemacht, der genau auf mein Muster zugeschnitten war, und mich einer Gemeinschaft von Menschen angeschlossen, die genau wie ich mitten im Leben standen und trotzdem von diesem Muster loskommen wollten. Am 8. Oktober 2020 habe ich komplett aufgehört. Heute sind es sechs Jahre, und ich habe es nie bereut.

    Der Kurs war auf die ersten 60 Tage ausgelegt. In den ersten 30 Tagen gab es jeden Tag neue Inhalte und Aufgaben zur Reflexion und zum Aufbau neuer Gewohnheiten, danach bis Tag 60 alle zwei Tage. Die ersten Tage waren die wackligsten. Danach wurde es ruhiger, aber erledigt war das Thema damit noch lange nicht. Denn das Umfeld erinnert einen ständig daran: Möchtest du ein Glas? Trinkst du gar nichts? Wie, auch nicht zum Anstossen? Und wenn alle Sekt bekommen, steht vor dir plötzlich ein Wasserglas. Wer mitanstossen will wie alle anderen, muss ausdrücklich nach einem Sektglas fragen, mit etwas anderem darin.

    Nicht mehr zu trinken ist deshalb nicht nur eine innere Entscheidung. Man muss sie auch nach aussen immer wieder vertreten. Bis das selbstverständlich wird, für einen selbst und für die anderen, braucht es deutlich länger als 60 Tage. Das ist kein Rückschlag, sondern der normale Weg.

    Ehrlich gesagt: Ohne Alkohol wird das Leben nicht einfacher. Als introvertierter Mensch merke ich das besonders. Früher hat das Glas Familienfeiern und Abende mit viel Smalltalk gefühlt verkürzt. Ohne Glas ist so ein Abend einfach lang. Einfacher wird das Leben also nicht. Aber klarer.

    Im Rückblick war das mein privates Systembolaget. Der Online-Kurs gab mir Wissen über das, was im Körper und im Kopf passiert. Der Austausch mit Menschen, denen es ähnlich ging und für die das Weglassen normal war und nicht erklärt werden musste. Beides zusammen hat geschafft, was meine Disziplin allein nicht geschafft hatte.

    Das Überraschende war: Nicht trinken fiel mir leichter als weniger trinken. Eine klare Entscheidung musste ich nur einmal treffen und dann nie wieder.

    Warum gerade die ersten Wochen?

    Die ersten Wochen sind entscheidend, aber anders, als die bekannte Faustregel behauptet. Dass eine neue Gewohnheit nach 21 oder 30 Tagen fertig sei, ist ein Mythos.

    Die Gesundheitspsychologin Phillippa Lally hat am University College London untersucht, wie lange es dauert, bis ein neues Verhalten automatisch abläuft. Im Mittel waren es 66 Tage, je nach Person zwischen 18 und 254. Spannender ist der Verlauf: Die Automatik wächst am Anfang am stärksten und danach immer langsamer. Und ein einzelner Ausrutscher warf die Teilnehmenden nicht zurück.

    Im Bild gesprochen: 30 Tage bauen im Gehirn noch keine fertige Autobahn. Aber sie legen die Trasse. In keiner anderen Phase wird der neue Weg so deutlich gespurt.

    Dazu kommt, was der Körper in einem Monat zurückgibt. Am Royal Free Hospital in London verzichteten 94 Menschen, die regelmässig mässig bis viel tranken, einen Monat lang auf Alkohol. Danach waren Insulinresistenz, Blutdruck und Gewicht messbar besser. Sieben Monate später tranken sie rund 20 Prozent weniger als vorher.

    Eine Studie der University of Sussex zum Dry January zeigt Ähnliches: 72 Prozent der Teilnehmenden schliefen besser, 80 Prozent fühlten sich ihrem Trinken gegenüber mehr in Kontrolle. Und noch im August tranken sie weniger als zu Jahresbeginn.

    30 Tage sind also kein Zauberwert. Aber sie reichen, um den Unterschied am eigenen Körper zu spüren. Und dieses Erleben trägt weiter als jedes Argument.

    Eigene Hürden bauen, wenn der Rahmen fehlt

    Ausserhalb von Schweden steht die Flasche an jeder Ecke. Wer sein Muster ändern will, muss sich die fehlende Bremse also selbst einbauen. Das geht, wenn man aufhört, auf reine Willenskraft zu setzen, und anfängt, die Umgebung zu verändern.

    • Die Verfügbarkeit verringern. Was nicht im Haus ist, muss erst geholt werden. Schon dieser Weg macht aus einer Gewohnheit eine Entscheidung.
    • Die Aufgabe des Glases ernst nehmen. Das Glas hat etwas für dich getan: runterfahren, belohnen, Geselligkeit erleichtern. Wer es nur weglässt, hinterlässt eine Lücke. Die Frage ist, was diese Aufgabe stattdessen übernehmen kann. Wie kannst du dir anders etwas Gutes tun, wie anders entspannen?
    • Einmal entscheiden statt jeden Abend. Ein klarer Zeitraum ohne Alkohol, etwa 30 Tage, ist leichter als tägliches Verhandeln mit dir selbst. Danach weisst du mehr über dein Muster als nach jedem Vorsatz, und du spürst, wie es dir geht, wie du schläfst, wie du in den Tag startest.
    • Wissen statt Moral. Zu verstehen, was Alkohol mit Schlaf, Stimmung und Stresssystem macht, wirkt nachhaltiger als jedes schlechte Gewissen.
    • Menschen, die mitgehen. Eine Gemeinschaft, in der du dich verstanden fühlst, ein Kurs oder eine Person, der du Rechenschaft gibst, ersetzt die Hürde, die die Gesellschaft nicht bietet.

    Die Grenze: Wann Selbstbau nicht reicht

    Selbstgebaute Hürden funktionieren bei Gewohnheiten. Bei einer körperlichen Abhängigkeit reichen sie nicht mehr. Wer morgens schon trinkt, beim Weglassen zittert, schwitzt oder unruhig wird, braucht fachliche Begleitung, zum Beispiel durch die Hausärztin oder eine Suchtfachstelle.

    Das ist keine Niederlage, sondern die gleiche Logik wie im Graubereich: Wo die eigene Struktur nicht mehr trägt, holt man sich eine von aussen.

    Fazit: Äussere Struktur schafft innere Klarheit

    Unser Verhalten ist weniger unabhängig, als wir glauben. Es wird davon geprägt, wie leicht oder schwer uns eine Gewohnheit gemacht wird. Schweden baut die Hürde in den Alltag ein. Bei uns muss jede und jeder sie selbst bauen.

    Dafür braucht es keine Moral und keine Verbote. Es braucht den ehrlichen Blick auf die eigene Gewohnheit, ohne die Frage, ob man schon abhängig ist. Die bessere Frage lautet: Wähle ich das Glas wirklich noch frei?

    Impulsfragen zur Selbstreflexion

    • Welche Aufgabe hat das Glas in meinem Alltag übernommen?
    • Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, weniger zu trinken, und wie lange hat es gehalten?
    • Wie würde sich mein Alltag verändern, wenn ich für jedes Glas erst eine echte Hürde überwinden müsste?
    • Welche Struktur von aussen könnte mir helfen, wo meine Willenskraft nicht reicht?

    Wenn du merkst, dass du dich im Graubereich bewegst, und deine Situation sortieren möchtest, lass uns in einem Orientierungsgespräch darüber sprechen. Gerne erzähle ich dir dort auch, welcher Weg mir geholfen hat.

    Quellen

  • Durchgeplant bis ins Wochenende: Warum freie Zeit kein Projekt ist

    Durchgeplant bis ins Wochenende: Warum freie Zeit kein Projekt ist

    1. Auslastung ist kein Maßstab für Lebensqualität

    Es fällt mir immer wieder auf, wie schwer spontane Treffen geworden sind. Selbst für einen einfachen Kaffee braucht es oft Wochen Vorlauf.

    Mein Mann Christian und ich, wir lieben es, an den Wochenenden spontan zu sein. Wir wollen nicht schon Monate im Voraus planen, was wir machen oder wen wir treffen werden. Klar, Ferien und Urlaube müssen geplant werden. Aber irgendwie hat sich ein ungeschriebenes Gesetz etabliert: Ein ausgefülltes Leben zeigt sich an einem dicht besetzten Kalender.

    Woran liegt das? Ich habe da eine provokante These: Wer Einladungen oder Treffen erst in drei Monaten anbieten kann, signalisiert Wichtigkeit, soziale Einbindung und Aktivität.

    Wer sich diesem Rhythmus entzieht, Wochenenden unberührt lässt oder Spontanität bevorzugt, gerät zwar nicht direkt unter Rechtfertigungsdruck. Aber die Aussage «Ich habe nichts los am Wochenende» hinterlässt bei einem selbst schnell ein komisches Gefühl. Es entsteht der falsche Schluss, dass unvereinnahmte Zeit mit Einsamkeit, Trägheit oder Orientierungslosigkeit gleichzusetzen sei. So ist es aber nicht.

    Problematisch wird es, wenn man nicht mehr unterscheidet: Entsteht eine Aktivität aus dem Versuch, «leere Zeit» zu füllen, oder entspringt sie einem tatsächlichen Bedürfnis?

    Im Geschäft wird man gerne gefragt: «Und, was machst du am Wochenende?» In jüngeren Jahren fiel es mir schwer zu sagen: «Ich bin zu Hause, keine Verabredungen.» Viele Singles kennen dieses Gefühl sicher gut.

    Mittlerweile löst so ein Terminangebot in drei Monaten bei mir vor allem Irritation aus. Und ich habe es vor Kurzem das erste Mal geschafft, so eine Zusage ganz ehrlich abzulehnen. Ich wollte da nicht zusagen. Ich weiß schlicht nicht, was in drei Monaten ist, und ich möchte mich nicht so weit im Voraus festlegen.

    2. Halt geben oder Löcher stopfen? Der feine Unterschied bei der Struktur

    Mir geht es absolut nicht darum zu sagen: «Plant gar nichts mehr und lebt einfach in den Tag hinein.» Im Gegenteil: Struktur ist mir extrem wichtig. Ein fester Tagesablauf, sportliche Routinen oder feste Zeiten – zum Beispiel vorgegeben durch unsere Hündin – geben mir Orientierung und Halt. Ohne Struktur fällt auch mir das «Herumhängen» schwer. Struktur ist kein Gefängnis, sondern das Geländer im Alltag.

    Kritisch wird es aber dort, wo Struktur nicht mehr Halt gibt, sondern zu einer extremen Überstrukturierung wird. Wenn der Kalender genutzt wird, um sogar stille Momente zu planen, wie zum Beispiel detailliert geplante Stille- oder Meditationszeitfenster.

    In der Praxis nehme ich dabei verschiedene Ausprägungen wahr:

    Die Flucht vor dem Alleinsein: Ich kenne das aus meiner eigenen Vergangenheit. Als Single habe ich an den Wochenenden versucht abzumachen, um nicht allein sein zu müssen. Als introvertierter Mensch empfand ich das als sehr anstrengend. Also bin ich sehr oft allein in die Berge gegangen und habe unzählige Kilometer gemacht. Es hat eine Zeit gedauert, bis sich das nicht mehr komisch angefühlt hat.

    Fremdbestimmung und Überforderung: Ich erlebe Menschen im Umfeld, die sich in Verpflichtungen aufreiben – von der Arbeit über Immobilienlasten für die nächste Generation bis hin zu Urlauben, die lückenlos mit sinnvollen Programmen und Aktivitäten gefüllt sind. Die Freizeit wird zur nächsten To-do-Liste, die abgearbeitet werden sollte. Selbst wenn man mit ihnen telefoniert, spülen sie nebenbei noch Geschirr oder backen einen Kuchen, weil die Zeit knapp bemessen ist.

    Das Fehlen einer ruhenden Basis: Später, als ich drei Jahre in der Abgeschiedenheit des schwedischen Waldes gelebt habe – davon einige Monate alleine –, hatte ich eine reine Eigentaktung. Keine Termine außer der Arbeit. Was für viele eine Horrorvorstellung ist, war für mich völlig normal geworden. Warum? Weil ich wusste, dass die Basis stimmt. Und es war einfach niemand da, dem ich zeigen musste oder konnte, wie «busy» ich bin. Es gab auch keine Reize und Verlockungen im Außen. Ich hatte meine Arbeit, meine Routinen im Haus und im Garten, die Spaziergänge mit unserer Hündin, keinen Termin- und Abmachdruck. Das war nach anfänglichem komischem Gefühl eine echte Befreiung und eine Wende für mein weiteres Leben.

    3. Eigenverantwortung: Wie du die Hoheit über deine Zeit zurückgewinnst

    Um aus diesem Hamsterrad auszutreten, braucht es weder einen radikalen Ausstiegsplan noch eine komplexe Lebensphilosophie. Es geht darum, im Kleinen nüchterne Entscheidungen zu treffen und die eigene Alltagstaktung schrittweise zurückzuholen:

    Sinnvolle Eigenstruktur von Fremdbestimmung trennen: Behalte Abläufe und Routinen, die dir Energie und Halt geben, konsequent bei. Hinterfrage aber alles sachlich, was nur aus Höflichkeit, Pflichtgefühl oder zur Statuspflege im Kalender steht, um aus dem ständigen Funktionieren auszusteigen.

    Pufferzeiten als Festwert einplanen: Lass Zeiten im Alltag oder am Wochenende ganz bewusst unberührt. Freiraum ist kein «Leerlauf», der gefüllt werden muss, sondern der notwendige Handlungsspielraum, um spontan zu reagieren oder schlicht zu regenerieren.

    Mut zur Absage ohne Scheingründe: Lerne, Nein zu Verpflichtungen zu sagen, wenn deine eigenen Ressourcen erschöpft sind. Ein ehrliches «Ich kann mich nicht so weit im Voraus festlegen» oder «Ich brauche dieses Wochenende Zeit für mich» ist ein valider Grund und bedarf keiner langen Rechtfertigung.

    Spontanität vor Monatsplanung: Vereinbare Verabredungen und Aktivitäten vorrangig dann, wenn die Kapazität und das echte Bedürfnis dafür im Moment da sind – statt Verpflichtungen auf Monate im Voraus einzugehen.

    Der Preis der Dauerbelastung: Warum Overload irgendwann kippt

    Aus meiner langjährigen beruflichen Erfahrung weiß ich: Dieser ständige Overload an Aktivitäten funktioniert in jungen Jahren oft erstaunlich lange und gut. Der Körper steckt die fehlende Regeneration weg.

    Doch spätestens im mittleren Alter verändert sich die Belastbarkeit. Gerade in dieser Lebensphase treten bei vielen Menschen – und ganz besonders bei Frauen – vermehrt Erschöpfungssymptome auf. Was früher mühelos weggesteckt wurde, wird auch durch die biologischen Prozesse in Umbruchphasen plötzlich zur schweren Hypothek. Wenn dann zur beruflichen und familiären Auslastung auch noch eine durchgetaktete Freizeit kommt, bricht das System irgendwann ein.

    Die Reduzierung von künstlichem Kalenderdruck ist deshalb kein egoistischer Komfort, sondern ein essenzieller Schutz vor schleichender Erschöpfung.

    Fazit: Substanz statt Schein

    Ein gelingendes Leben bemisst sich nicht an der Dichte der Termine oder der Vorzeigbarkeit der Freizeit. Eine funktionierende Tagesstruktur gibt Halt; ein überfüllter Kalender nimmt die Freiheit. Die Souveränität beginnt dort, wo man die eigene Zeit nicht mehr als Projekt verwaltet, sondern wieder selbst steuert oder einfach mal sein lässt.

  • Der Mythos vom „kleinen Mann“ und die Biologie des Wandels

    Der Mythos vom „kleinen Mann“ und die Biologie des Wandels

    Mit 57 stecke ich nun mittendrin im körperlichen Wandel. Als vor einiger Zeit die ersten spürbaren Veränderungen einsetzten, war mein allererster Gedanke: „Jetzt musst du eben etwas kürzer treten. Jetzt geht es eben nicht mehr so.“

    Ich wurde stutzig. Dann habe ich mich ehrlich gefragt: Woher kam dieser Gedanke eigentlich? War das wirklich das, was mir plausibel erschien?

    Mein erster Impuls folgte dem, was man ein Leben lang gehört, gesehen und vorgelebt bekommen hat. Von Müttern, im Umfeld, in der Gesellschaft: Wenn der Körper ab der Lebensmitte signalisiert, dass er sich umstellt, dann sollte man kürzer treten. Sport wird heruntergefahren, große Belastungen werden zunehmend gemieden, und leise schleicht sich eine Haltung ein, dass man sich mit einem schleichenden Abbau und den körperlichen Zipperlein eben abzufinden hat.

    Vor ein paar Tagen habe ich eine recht neue Sendung zum Thema Wechseljahre auf Arte gesehen. Dort kamen Frauen zu Wort mit richtig heftigen Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Gedächtnisproblemen, Hitzewallungen und Leistungseinbrüchen. Die einzige Lösung, die angeboten wurde, war die Hormonersatztherapie. In mir sträubte sich alles. Das konnte doch nicht die alleinige Lösung sein, zumal sie mit gravierenden Nebenwirkungen verbunden sein kann.

    Ich wollte es genauer wissen. Diese Fälle sind tatsächlich keine Einzelfälle, sondern ein breites gesellschaftliches Muster, wie aktuelle Daten belegen. Die Studie MenoSupport Suisse (durchgeführt vom Inselspital Bern und der HWR Berlin) zeigt eindrücklich, wie stark dieser Rückzugsreflex in die Lebensentwürfe von Frauen eingreift: Jede dritte berufstätige Frau (33 %) zieht sich aufgrund von Umstellungssymptomen beruflich zurück. Über 20 % reduzieren ihr Arbeitspensum, rund 16 % verzichten auf Beförderungen oder den nächsten Karriereschritt, und manche lassen sich sogar vorzeitig pensionieren.

    Der Auslöser für diesen Rückzug ist fast immer derselbe: Erschöpfung, Verunsicherung und der unhinterfragte Glaube, auf körperliche Veränderungen mit Schonung antworten zu müssen. Ältere Frauen werden in unserer Gesellschaft immer noch unsichtbarer. Die Konsequenz ist ein schleichender Verlust an beruflicher und persönlicher Autonomie.

    Doch muss das überhaupt so sein? Muss der Weg durch die Lebensmitte zwangsläufig leiser, defensiver und von Rückzug geprägt sein? Ich konnte mich mit diesem Gedanken nicht abfinden.

    Die Klärung dieser Fragen war für mich der Anlass für eine ehrliche und persönliche Standortbestimmung. Ich wollte wissen, was biologisch tatsächlich passiert – und wie wir die Handlungsfähigkeit über unseren eigenen Weg behalten, wenn der Körper seine Spielregeln ändert. Ich begann zu recherchieren und wurde fündig. Auffallend war dabei, dass das Thema im angloamerikanischen Raum bereits viel offener diskutiert wird. Dort geht es nicht nur um reine Symptomverwaltung, sondern viel mehr um ein ganzheitliches Verständnis – von gezieltem Training und Ernährung bis hin zu Schlaf. Das entlastete mich sehr, denn es gab echte Stellschrauben.

    Ich setzte die empfohlenen Anpassungen sofort in die Tat um. Das war vor ca. einem halben Jahr. Was dabei herauskam, dazu weiter unten mehr.

    Aber zunächst möchte ich noch etwas in die Erkenntnisse meiner Recherche eintauchen.

    Der Mythos vom „kleinen Mann“ und die Biologie des Wandels

    Wenn man auf die ersten Signale des Körpers reagiert und sich aus den gewohnten Abläufen zurückzieht, muss dabei etwas Grundsätzliches unterschieden werden. An einem Rückzug ist erst einmal überhaupt nichts auszusetzen. Nicht mehr jeden Stress mitmachen zu wollen, Nein zu sagen und sich auf das Wesentliche zu besinnen, ist kein Versagen, sondern ein Zeichen von Klarheit und Reife. Auch sanfte Wege wie Yoga, Achtsamkeit oder bewusste Entschleunigung sind wertvolle Werkzeuge, um das Nervensystem zu beruhigen und innere Orientierung zu finden.

    Das Problem entsteht erst dann, wenn wir diesen mentalen Rückzug unbewusst auf unsere körperliche Biologie übertragen – wenn aus bewusster Selbstfürsorge eine pauschale körperliche Schonhaltung wird. Denn so gut sanfte Bewegung oder Spaziergänge der Seele tun: Um die handfesten physischen Herausforderungen dieser Lebensphase in den Griff zu bekommen, reichen sie alleine leider nicht aus.

    Mit dem schleichenden Rückgang des Östrogens verändert sich die weibliche Physiologie grundlegend. Östrogen war über Jahrzehnte nicht nur ein Hormon der Fortpflanzung, sondern der zentrale Taktgeber für den Muskelaufbau, die Knochendichte und die Regeneration. Fällt dieser natürliche Schutzschirm weg, schaltet der Körper in einen Modus, in dem Substanz schneller abgebaut wird, wenn sie nicht explizit gefordert wird. Wer jetzt auch körperlich das Tempo drosselt, Belastungen vermeidet und nur noch auf sanfte Impulse setzt, signalisiert dem System unbewusst: Diese Kapazitäten werden nicht mehr gebraucht. Die biologische Quittung ist kein Schutz, sondern ein beschleunigter Abbau.

    Dass wir dennoch so reflexhaft in die physische Schonhaltung kippen, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer verhängnisvollen Mischung aus gesellschaftlicher Prägung und wissenschaftlicher Ignoranz.

    Auf der gesellschaftlichen und psychosozialen Ebene wirkt bis heute das Erbe früherer Generationen. Das Bild der älter werdenden Frau wurde jahrzehntelang über Verlust narrativiert: Während Männer im Alter als „interessant“ und „reif“ galten, wurde das Älterwerden bei Frauen als reiner Attraktivitätsverlust gewertet. Die Wechseljahre wurden wahlweise als behandlungsbedürftige Krankheit oder als unausweichlicher Verlust von Attraktivität und Vitalität verstanden. Ein trainierter, muskulöser weiblicher Körper galt noch bis vor kurzem als „unweiblich“, Gewichtszunahme und körperlicher Verfall als gottgegebenes Schicksal.

    Dazu kommt eine Forschung, die den weiblichen Körper über Jahrzehnte schlicht ignoriert hat. In klinischen Studien wurden Frauen systematisch ausgeschlossen – mit der Begründung, der weibliche Zyklus mache die Daten zu störanfällig. Das Resultat war eine Medizin- und Sportwissenschaft, die den Mann als Prototyp definierte und Frauen schlicht als „kleine Männer“ behandelte. Ob Trainingslehre, Ernährungsmodelle wie das Intervallfasten, Regenerationsforschung oder Schlafmedizin: Fast alle Standardempfehlungen basieren auf männlicher Physiologie.

    Der männliche Körper wird primär durch Testosteron gesteuert und hält Muskelmasse sowie Schlafqualität auch bei moderaten Reizen oder Fastenperioden aufrecht. Der weibliche Körper hingegen verliert durch den hormonellen Umbruch seine wichtigsten biochemischen Taktgeber. Das Absinken von Progesteron raubt dem Gehirn den natürlichen Entspannungspuffer für den Tiefschlaf, während der Östrogenabfall die nächtliche Temperaturregulation, den Melatoninhaushalt und die Proteinsynthese beeinträchtigt.

    Wenn Frauen in dieser Phase dann versuchen, mit exzessivem Ausdauersport, radikaler Kalorienrestriktion oder langem Intervallfasten gegenzusteuern, setzen sie ihren Körper unter zusätzlichen biochemischen Stress. Das dauerhaft erhöhte Stresshormon Cortisol führt nicht nur zu den typischen Durchschlafstörungen um 3:00 Uhr morgens, sondern befeuert auch eine schleichende Insulinresistenz. Da Östrogen normalerweise die Glukoseaufnahme in die Zellen unterstützt, führt der Hormonabfall ohnehin zu einem trägeren Blutzuckerstoffwechsel. Wer dann versucht, mit noch mehr Cardio oder Fasten dagegen anzurennen, treibt die Stressspirale weiter hoch: Der Körper schläft schlechter, klammert sich an Fettreserven und baut stattdessen wertvolle Muskelmasse ab.

    Dass hier ein fundamentales Umdenken stattfinden muss, belegen die Arbeiten von Dr. Stacy Sims. Die US-amerikanische Sportphysiologin und Ernährungswissenschaftlerin, die unter anderem an der renommierten Stanford University geforscht hat, gilt weltweit als Pionierin auf dem Gebiet der weiblichen Trainings- und Leistungsphysiologie. Ihre Forschung hat offengelegt, wie sich der weibliche Stoffwechsel unterscheidet und warum Standard-Empfehlungen bei Frauen im Umbruch fehlschlagen. Ihre Kernbotschaft macht deutlich: Der weibliche Körper in der Lebensmitte braucht keine pauschale Schonung und keine veralteten Männermodelle, sondern Reize, die exakt auf die weibliche Biochemie abgestimmt sind.

    Das bedeutet in der Praxis zwei zentrale Stellschrauben: Erstens braucht das Muskel- und Knochensystem einen so deutlichen mechanischen Reiz, dass der Körper trotz fehlendem Östrogen gezwungen ist, Substanz zu erhalten. Diesen Reiz liefert progressives, schweres Krafttraining – also das bewusste Bewältigen echter Widerstände. Nur so werden die für Koordination und Schnellkraft entscheidenden Muskelfasern aktiviert, die Knochen durch gezielte Zug- und Druckkräfte zur Mineralisierung angeregt und die Zellen wieder empfindlich für Insulin gemacht. Zweitens verändert sich der Stoffwechsel. Statt dem Körper durch Fasten Energie zu entziehen, benötigt er eine gezielte Nährstoffanpassung, allen voran eine ausreichend hohe Proteinzufuhr gemäß den Empfehlungen von Dr. Stacy Sims und eine verlässliche Energieversorgung rund um das Training.

    Das zu verstehen, kann sehr entlastend sein. Es geht nicht darum, einem veralteten Leistungsideal hinterherzulaufen. Es geht schlicht darum zu begreifen, dass der Körper nicht nur abbaut – er spielt lediglich nach neuen biologischen Regeln. Und wer diese Regeln kennt, gewinnt die Regie über die eigene Substanz zurück.

    Kraft als Gamechanger: Von physischer Substanz zu mentaler Standfestigkeit

    Der Wechsel zu einer evidenzbasierten Praxis ist das eine. Was dieser Schritt jedoch auf der mentalen Ebene auslöst, wird in der gesundheitlichen Diskussion meist unterschätzt. Körperliche Kraft und mentale Stärke stärken sich gegenseitig.

    Vor einem halben Jahr begann ich mein Krafttraining zu intensivieren – mit Ganzkörper-Grundübungen wie Kniebeugen, Kreuzheben, Rumpfrotationen oder dem Tragen von schweren Gewichten. Ich stellte meine Ernährung um, esse viel mehr Proteine, vor allem rund ums Training, und esse morgens wieder eine kleine Mahlzeit, um den Cortisolspiegel nicht hochzufahren. Mehr Protein bedeutet in der Praxis oft deutlich mehr, als der Alltag gewohnt ist – Orientierungswerte aus der Sportphysiologie (wie etwa 1,5 bis 2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht) zeigen schnell, wie groß die Lücke meist ist. Wer hier tiefer in die physiologischen Grundlagen eintauchen möchte, findet etwa bei Dr. Stacy Sims fundierte Daten.

    Die positive physische Veränderung ist nur die eine Seite der Medaille. Der eigentliche Gewinn lag in der mentalen Verschiebung. Diese diffuse Erschöpfung und die Sorge vor dem schleichenden Abbau wichen einer spürbaren inneren Widerstandskraft. Ich begann das Leben wieder zu spüren, mich vitaler zu fühlen. Mein Gefühl der körperlichen Verletzlichkeit löste sich auf. Am eigenen Leib zu erfahren, dass der Körper unter kontrollierter, hoher Belastung nicht einbricht, sondern mit Anpassung und Stärke reagiert, entkräftet das gesellschaftliche Narrativ vom unvermeidbaren Verfall sofort wirksamer als jede theoretische Einsicht.

    Als ich lernte, echte Widerstände zu bewältigen und spürte, wie mein Körper unter mechanischer Spannung wieder Substanz aufbaute, verlor ich die Angst vor der eigenen Fragilität. Das Gefühl, den biologischen Veränderungen im Umbruch hilflos ausgeliefert zu sein, wich der nüchternen Erfahrung eigener Wirksamkeit.

    Dabei geht es ausdrücklich nicht um sportlichen Höchstleistungswahn, ästhetische Selbstoptimierung oder das Hinterherlaufen jugendlicher Ideale. Der Fokus verschiebt sich weg von der oberflächlichen Frage „Wie sehe ich aus?“ hin zu der existenziellen Frage „Welche funktionale Kapazität habe ich für die nächsten Jahrzehnte?“. Es geht um den Aufbau von Substanz: die Fähigkeit, das eigene Leben mit physischer Unabhängigkeit, aufrechter Haltung und verlässlicher Energie zu gestalten.

    Diese körperliche Erfahrung bleibt nicht auf der Trainingsfläche. Wer erfahren hat, dass gezielter Druck zu Anpassung führt, überträgt diese Haltung unbewusst auf andere Lebensbereiche. Es fällt schwerer, sich im Alltag oder im Beruf in eine passive, defensive Rolle drängen zu lassen, wenn man körperlich regelmäßig das Gegenteil erfährt und auch ausstrahlt. Die Bereitschaft, Grenzen zu setzen, klare Entscheidungen zu treffen und anstehende Lebensveränderungen aktiv zu gestalten, wächst mit der physischen Verankerung.

    Das Anpacken konkreter Widerstände entzaubert das Klischee der geschwächten Frau in der Lebensmitte. Aus der vermeintlichen Krise wird eine Standortbestimmung – und aus der physischen Schonhaltung entsteht wieder echter mentaler Handlungsspielraum.

    Klarheit & Ausblick: Vom Mitziehen zum Selbstbestimmen

    Mit 20 oder 30 steckt der Körper schlechten Schlaf, falsche Ernährung, Bewegungsmangel oder Alkohol mühelos weg. Ab der Lebensmitte funktioniert dieser automatische Puffer nicht mehr – weder bei Frauen noch bei Männern. Wenn wir unsere Lebensqualität nicht schrittweise einbüßen wollen, führt kein Weg daran vorbei, genauer hinzusehen und die eigenen Gewohnheiten neu auszurichten.

    Echte Klarheit entsteht dort, wo wir aufhören, biologische Veränderungen als Ausrede für ein passives Abfinden zu nutzen. Sätze wie „In unserem Alter fangen halt die Zipperlein an“ zeigen, wie schnell ein spürbarer Leistungsverlust als unvermeidbar akzeptiert wird. Das ist kein Schicksal – es ist meist nur die Folge veralteter Annahmen und gelernter Verhaltensmuster. Sobald verlässliche Fakten an die Stelle von Gewohnheiten treten, verschiebt sich die Perspektive.

    Diese Neuausrichtung verlangt drei konsequente Schritte:

    Eine ehrliche Standortbestimmung: Zu prüfen, an welchen Stellen im Alltag, im Sport oder im Beruf man sich aus Unsicherheit oder bequemer Gewohnheit bereits mit dem bloßen Verwalten des Status quo zufriedengegeben hat.

    Eigenverantwortliches Wissen: Sich auf der Basis wissenschaftlicher Daten zu informieren, statt pauschale Ratschläge oder kurzfristige Trends zu konsumieren.

    Den eigenen Maßstab setzen: Den Wandel nicht als Verengung von Spielräumen zu begreifen, sondern als Chance, die eigenen physischen und mentalen Ressourcen für die kommenden Jahrzehnte selbstbestimmt zu strukturieren.

    Körperliche Substanz ist kein Selbstzweck und kein bloßes Ästhetikprojekt – auch wenn eine aufrechte Haltung, Form und ein gutes Körpergefühl eine wohltuende Rolle spielen. Sie ist das Fundament, auf dem mentale Standfestigkeit, Autonomie und Entscheidungsfreude ruhen. Wer lernt, dem eigenen Körper mit gezielten, wirksamen Reizen zu begegnen, gewinnt die Kontrolle über den eigenen Körper zurück. Und wer die Kontrolle über die eigene Substanz hat, überlässt auch die Entscheidungen für den weiteren Lebensweg nicht mehr dem Zufall.

    Ob es um gezieltes Krafttraining geht oder um die passende Versorgung im Alltag (wo Richtwerte aus der Sportphysiologie von 1,5 bis 2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht eine erste Orientierung bieten): Struktur entsteht durch Fakten und eigenverantwortliche Entscheidungen.

    Wenn du in einer Umbruchphase Ordnung in deine Handlungsspielräume bringen möchtest, lass uns in einer Standortklärung deinen Weg sortieren.

    Weiterführende Verweise & Quellen:

    Die im Text genannten sportphysiologischen und biochemischen Erkenntnisse zur weiblichen Physiologie basieren im Wesentlichen auf den Arbeiten und Publikationen von Dr. Stacy Sims, insbesondere auf ihrem Buch Peak Performance für Frauen: Wie Sie Ernährung und Training perfekt auf den weiblichen Zyklus abstimmen (Nayana Verlag).

    Die Daten zu den beruflichen Auswirkungen der Wechseljahre in der Schweiz stammen aus der Studie MenoSupport Suisse (Inselspital Bern & HWR Berlin).

  • Raus aus dem Funktionieren: Wie wir unsere eigene Urteilskraft zurückgewinnen

    Raus aus dem Funktionieren: Wie wir unsere eigene Urteilskraft zurückgewinnen

    In meinen Beratungsgesprächen begegnet mir häufig ein bestimmtes Bild: Mir gegenüber sitzen Menschen, die mitten im Leben stehen – sich aber überlastet und erschöpft fühlen. Selten ist es die rein physische Menge an Arbeit oder eine strukturelle Belastung am Arbeitsplatz, sondern eine neuartige Form der permanenten Anspannung.

    Mal Hand aufs Herz: Wann hast du das letzte Mal eine berufsbezogene oder auch private Entscheidung getroffen, ohne sie vorher mehrfach abzusichern oder digital gegenchecken?

    Nehmen wir als Beispiel KI, wie Gemini, ChatGPT oder Claude. Sie haben durchaus eine entlastende Funktion: Sie nehmen uns die Hürde des leeren Blattes ab, liefern Entwürfe, ordnen Gedanken und lose Informationen und sparen dabei auch Zeit. Das Prinzip ist nicht neu – wir kennen das längst aus dem Privaten: Wir schauen morgens auf die Smartwatch, um zu wissen, ob wir gut geschlafen haben. Wir prüfen Wetter-Apps, bevor wir vor die Tür gehen, lassen das Navi mitlaufen und wählen Restaurants nur noch nach Sternen-Bewertungen, vergleichen Produkte. Wir messen Schritte und Pulswerte, statt einfach auf den eigenen Körper zu hören.

    Und doch bergen diese Erleichterungen eine schleichende Gefahr.

    Indem wir Antworten sofort im Aussen suchen, verlernen wir unbemerkt, auf unser eigenes Urteil oder die fachliche Intuition zu hören. Wir verlieren schleichend die Fähigkeit, Unsicherheiten und unklare Situationen schlicht auszuhalten, auf uns wirken zu lassen. Wir kennen das auch mit dem klassischen Satz «ich werde mal drüber schlafen».

    Die erhoffte Entlastung bleibt aus, weil sich die mentale Anspannung nur verschiebt: Wir hören auf, selbst zu entscheiden, in dem wir unser Gefühl mit dem Verstand abgleichen, sondern wir werden zunehmend zu Prüfern externer Ergebnisse. Statt Entspannung entsteht eine ermüdende Dauerkontrolle, die uns schleichend das Vertrauen in unsere eigene Urteilskraft raubt.

    1. Das Phänomen des Ausbrennens: Der ungelöste Konflikt

    Wenn Klienten in meine Beratung kommen, geht es meist um Zeitmangel, Termindruck oder unschaffbare Aufgabenberge. Blicken wir jedoch genauer hin, liegt die Ursache selten in der reinen Menge an Arbeit.

    Der als negativ erlebte Stress ist im Kern ein Gefühl von Hilflosigkeit – das Erleben, die Situation nicht mehr kontrollieren zu können. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen eigenen Bedürfnissen und äußeren Anforderungen oder einfacher gesagt, es läuft nicht so, wie ich will. Doch was bringt das Fass schließlich zum Überlaufen?

    Nach Dr. Miriam Prieß geht jedem schleichenden Ausbrennen ein Abbruch der Beziehung zu sich selbst voraus. Gelingen Beziehungen, gelingt das Leben. Was in der Überforderung fehlt, ist der echte Dialog auf Augenhöhe – mit anderen und mit sich selbst.

    Viele Klienten wenden ein: „Ich habe kein Problem mit mir selbst. Ich habe einfach zu viel Arbeit und werde nicht gehört.“ Doch genau hier liegt der Knackpunkt. Unter Stress verlassen wir unbemerkt die Augenhöhe: Wir interessieren uns nicht mehr ehrlich für das Gegenüber, sondern nur noch dafür, was der andere für uns tun oder leisten soll. Der Dialog scheitert, die Empathie geht verloren.

    Wer seinen eigenen Wert nur daran misst, dass er perfekt funktioniert, gerät bei jedem Widerstand unter Druck. Wir flüchten uns in Rechtfertigungen, wollen stur recht behalten oder leisten stummen Widerstand. Dauerhafter Kampf führt schließlich zu körperlichen Symptomen – von Schlaflosigkeit bis Rückenschmerzen. Um der Hilflosigkeit zu entgehen, flüchten wir rein ins Kopf-Denken.

    Genau an diesem Punkt werden digitale Tools und KI zur verlockenden Ausweichbewegung. Sie erscheinen ideal, weil sie widerspruchslos unsere Version der Geschichte bestätigen und auf Knopfdruck Patentrezepte liefern.

    Was dabei entsteht, ist jedoch das Gegenteil von Dialog. Ein Tool kann dir nicht sagen, wo deine echten Grenzen liegen, und kein schwieriges Gespräch für dich führen. Wer den Dialog mit sich selbst abbricht und Halt nur im Außen sucht, brennt auf Dauer schleichend aus.

    2. Die Falle des reinen Funktionierens: Vom Gestalter zum Vollziehenden

    Digitale Werkzeuge und KI sind an sich weder Segen noch Fluch. Wer sich selbst gut spürt, seine Grenzen kennt und sein Handeln hinterfragt, findet in ihnen eine echte Entlastung. Sie können administrative Hürden nehmen, Zeit sparen, Gedankenchaos ordnen und Raum schaffen für das, was gerade wichtig ist.

    Diese Erfahrung mache ich selbst bei Themen, für die im Alltag oft der Raum fehlt. Durch meinen beruflichen Hintergrund bin ich es gewohnt, eigene Schritte zu hinterfragen, den Blick von außen einzubeziehen und Ergebnisse richtig einzusortieren. So halte ich das Steuer fest in der Hand. Dabei merke ich immer wieder: KI verrennt sich schnell bei unvollständigen Informationen, neigt zu Pauschalen oder liegt schlicht falsch. Und die Kommunikation mit einem Bot ermüdet rasch, wenn man emotionale Zwischentöne sucht, wo nur Logik geliefert wird.

    Zur Falle werden diese Tools aber erst dann, wenn man bereits im reinen Funktionieren steckt. Der Blickwinkel ist dann verengt, man sehnt sich nach schnellen Lösungen und greift nach jedem Patentrezept.

    Fehlt der Dialog mit sich selbst, wird der Griff zu Algorithmen und Vorlagen zum Ausweichmanöver: Wir versuchen, innere Orientierungslosigkeit durch äußere Struktur zu ersetzen. Wie der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, liegt genau hier die große Illusion unserer Zeit: Künstliche Systeme versprechen Entlastung und Sicherheit – doch statt Freiheit geben wir schlicht das Zepter ab.

    Was das für uns bedeutet: Wir entwickeln uns unbemerkt von Gestaltenden zu Vollziehenden. Wir arbeiten vorgegebene Prompts oder Prozesse ab. Das Tool liefert, wir kontrollieren nur noch. Es entsteht eine dauernde, ermüdende Nachprüfung.

    Konkret zeigt sich das im Berufsalltag, wenn E-Mails oder sogar teaminterne Chat-Nachrichten vorab von der KI glattgebügelt werden. Das Gegenüber spürt die fehlende Note sofort. So erweisen wir Beziehungen keinen guten Dienst: Wir weichen Konflikten aus und verstecken Meinungsverschiedenheiten hinter perfekt strukturierten Sätzen.

    Wer jede Unklarheit sofort durch Vorlagen auflöst, verliert die Kraft, Ungewissheiten im Alltag schlicht auszuhalten. Jede kleine Abweichung wird dann sofort als Bedrohung erlebt.

    3. Das 2-Säulen-Modell: Der Weg zurück in den echten Dialog

    Wer raus aus dem reinen Funktionieren möchte, braucht keine neuen Tools. Der Ausweg ist viel einfacher und schwerer zugleich: zuerst wahrnehmen, was der eigene Körper meldet – und dann wieder bewusst entscheiden, statt nur abzuarbeiten.

    Erst wenn diese beiden Säulen stehen, gelingt der Dialog auf Augenhöhe wieder – mit sich selbst, den Mitmenschen und der Realität.

    Säule 1: Auf die eigenen Körpersignale hören – Den Dialog mit sich selbst wieder aufnehmen

    Der Dialog scheitert im Alltag meist schon, bevor das erste Wort gesprochen ist, weil wir den Kontakt zu unseren eigenen Signalen verloren haben. Laut dem Psychiater Thomas Fuchs ist unser Körper das zentrale Organ für Wahrnehmung und Resonanz. Im Funktionsmodus nehmen wir Signale wie eine Enge im Brustkorb, Nackenschmerzen oder ein dumpfes Unwohlsein zwar wahr, übergehen sie aber als störend, reden sie uns aus oder schieben sie beiseite.

    Die erste Säule bedeutet daher Innehalten:

    Hinspüren statt Wegdenken: Was meldet mein Körper in diesem Moment, bevor mein Verstand die Situation schönredet oder nach schnellen Rezepten sucht?

    Die eigene Grenze als Dialogbasis: Unsere körperlichen Reaktionen sind kein Störgeräusch, das wegoptimiert werden muss. Sie sind das erste verlässliche Signal, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Erst wenn wir lernen, diese feinen Signale wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten oder wegzuerklären, gewinnen wir den Kontakt zu unseren eigenen Belastungsgrenzen zurück. Erst wer merkt, wie es ihm selbst geht, hat überhaupt wieder den Kopf frei für andere.

    Das körperliche Signal ist der Auslöser – es zeigt uns unverfälscht, dass etwas nicht stimmt. Dieses kurze Innehalten ist der erste Schritt, wenn auch kein einfacher. Er kann aber gelernt werden. Der zweite Schritt ist dann, mittels Verstand die Situation zu sortieren, um klare Entscheidungen treffen zu können.

    Säule 2: Den Verstand klar ausrichten – Den Dialog mit der Realität führen

    In der zweiten Säule geht es darum, die Regie wieder an den Verstand zu übergeben. Nicht für stundenlange Analysen, sondern um Tatsachen von Vermutungen zu trennen, Ordnung in das Gedankenchaos zu bringen und wieder handlungsfähig zu werden.

    1. Fakten von Bewertung unterscheiden Eine Empfindung zeigt nur, dass etwas nicht stimmt – aber noch nicht, was nicht stimmt. Überforderung oder Wut fühlen sich im Moment zwar absolut wahr an, sind aber oft ein schlechter Ratgeber. Um aus dem Gefühl herauszukommen und die Lage nüchtern zu sehen, helfen drei Fragen:

    Was ist ganz konkret passiert? Was wurde wirklich gesagt, geschrieben oder gefordert – ganz ohne meine Interpretation?

    Was mache ich gerade im Kopf daraus? Welche Befürchtungen, Ängste oder eigenen Ansprüche mische ich gerade dazu?

    Was weiß ich sicher – und was nehme ich nur an? Wo reagiere ich auf Fakten und wo auf mein eigenes Kopfkino?

    2. Eigenverantwortung statt Ausweichen oder Kampfmodus

    Statt sofort zu reagieren, helfen Fragen zur Standortbestimmung:

    Wo weiche ich gerade aus oder schiebe die Schuld nach außen? Verstecke ich mich hinter Prozessen, Reglements oder der Haltung „Da kann man eh nichts machen“? An welcher Stelle mache ich andere für meine Situation verantwortlich?

    Wo verrenne ich mich? Geht es mir gerade wirklich um die Sache – oder nur darum, recht zu behalten und die Kontrolle nicht zu verlieren?

    Was ist mein konkreter Handlungsspielraum? Welchen Schritt kann ich jetzt selbst entscheiden und umsetzen, der mich handlungsfähig macht – völlig unabhängig von den anderen?

    3. Hilfsmittel nutzen, aber selbst entscheiden

    Ob Denkmodelle, Checklisten, Beratung oder KI-Tools: Externe Unterstützung hilft enorm beim Sortieren. Sie nimmt dir aber nicht das Denken ab. Bevor du eine fremde Vorlage ungeprüft übernimmst, helfen drei Fragen:

    Nutze ich das Hilfsmittel zum Sortieren – oder als Versteck? Suche ich nach Klarheit oder hoffe ich unbewusst, dass mir das Tool oder die Beraterin das Risiko der Entscheidung abnimmt?

    Passt die Antwort wirklich zu meiner konkreten Lage? Ist der Ratschlag für meine Situation wirklich stimmig – oder übernehme ich gerade blind ein Schema F?

    Was ist mein eigenes Urteil? Welche Entscheidung vertrete ich am Ende selbst – völlig egal, was die Methode, der Experte oder der Algorithmus vorschlägt?

    Vom Vollziehenden zurück zum souveränen Gestalter

    Erst das Zusammenspiel beider Säulen stellt den echten Dialog wieder her: Das Hineinspüren in den eigenen Körper gibt uns die Wahrnehmung zurück, um den Kontakt zu uns selbst nicht zu verlieren. Die gedankliche Steuerung schenkt uns die nötige Klarheit, um nüchterne Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

    Wer sich selbst wieder spürt und die Realität sachlich ordnet, muss weder in das blinde Funktionieren flüchten noch in Abwehrreflexe verfallen. Hilfsmittel und Methoden – ob analog oder digital – werden dann wieder genau das, was sie sein sollten: dienende Werkzeuge einer souveränen Gestalterin.

    Fazit und Handlungsansatz

    Mir ist bewusst: Das ist keine Zauberformel und im durchgetakteten Alltag verdammt schwer umzusetzen. Ich tappe selbst immer mal wieder in die Falle, meine Körpersignale zu überhören. Aber durch meine eigenen Erfahrungen und meine Beratungspraxis ist mir klar geworden, dass der wichtigste Schritt der erste ist – nämlich die Erkenntnis, dass es eben nicht mit Optimismus und Durchhaltewillen allein getan ist. Es braucht ein ehrliches Hinschauen. Und das wiederum erfordert Übung, manchmal Begleitung und vor allem Mut.

    Impulsfragen zur Selbstreflexion

    1. Wo in meinem Alltag habe ich den Dialog mit mir selbst bereits durch reines Funktionieren ersetzt?
    2. Welche körperlichen Warnsignale übergehe ich derzeit?
    3. An welchen Stellen versuche ich, innere Unsicherheit durch noch mehr Kontrollaufwand, Prozesse oder Vorlagen zu kompensieren, anstatt meiner eigenen Urteilskraft zu vertrauen?
    4. Welcher bisher verdrängten Realität oder Grenze muss ich nüchtern ins Auge blicken, um wieder handlungsfähig zu werden?

    Weiterführende Literatur & Quellen

    • Fuchs, Thomas: Leib, Raum, Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie. Klett-Cotta. (Zur leiblichen Rückbindung, Resonanz und Eigenspürsamkeit)
    • Prieß, Miriam: Burnout kommt nicht nur von Stress. Warum Beziehungen entscheidend sind. Südwest Verlag. (Zum Dialog auf Augenhöhe und dem Abbruch der Beziehungsfähigkeit)
    • Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag. (Zur Entfremdung durch externe Beschleunigungssysteme)
    • Urbaniok, Frank: Darwin schlägt Kant. Über die Schwächen menschlicher Vernunft und ihre Überwindung. Stämpfli Verlag. (Zur kognitiven Steuerung und sachlichen Realitätsprüfung)
  • „Man stirbt, wie man lebt“ – Warum die beste Altersvorsorge eine Haltung ist

    „Man stirbt, wie man lebt“ – Warum die beste Altersvorsorge eine Haltung ist

    Vor Kurzem hörte ich ein Interview bei SRF Sternstunde Philosophie mit dem Palliativmediziner Gian Domenico Borasio zum Thema «Wie sieht die Zukunft des Sterbens aus?».

    Er spricht darüber, dass unser Pflegesystem in zwanzig Jahren die Masse an alternden Menschen quantitativ nicht mehr würdevoll auffangen kann. Das geht einfach nicht mehr, selbst wenn wir genug Pflegeeinrichtungen hätten. Dass die Alterspyramide eines Tages kippen wird, lernte ich schon während meines Studiums. Aber das war Theorie und noch sehr weit weg.

    Während ich zuhöre, spüre ich diese vertraute, unterschwellige Angst. Eine Angst, die mich immer dann einholt, wenn es um das Thema Altern geht. Als Frau ohne Kinder, die mit ihrem Mann fern von der Ursprungsheimat flexibel zwischen zwei Ländern lebt, steht plötzlich die Frage im Raum: Wer fängt mich eigentlich auf? Wer unterstützt mich, wenn ich Hilfe brauche? Und wie behalte ich bis zuletzt die Kontrolle über mein Leben? Letztere Frage bewegt mich am meisten. Ich habe mir meine Autonomie, meine Eigenständigkeit hart erarbeitet. Ich gehöre noch zu der Generation Frauen, für die das nicht selbstverständlich war.

    Borasio sagt in dem Gespräch einen Satz, der mich aufhorchen lässt: „Man stirbt, wie man lebt.“

    Wow, denke ich, das ist es. Ich spüre, wie eine grosse Last von mir abfällt – obwohl ich die Tragweite dieses Gedankens in diesem Moment noch gar nicht ganz erfasst habe. Der Satz erinnert mich wieder daran, wie ich unklaren Situationen seit jeher begegne: Ich verdränge die Angst nicht, sondern ich seziere sie, indem ich mir Wissen aneigne und mir Schritt für Schritt Klarheit verschaffe darüber, was Fakten sind und was Gedankenkonstrukte, was ich verändern, vorbereiten und klären kann, worauf ich vertrauen darf und was es gilt, anzunehmen oder auch auszuhalten.

    Das macht mich handlungsfähig. Also fange ich an, dieses komplexe Thema «Altern» in drei gedankliche Schubladen zu sortieren:

    • Was gilt es anzunehmen und auszuhalten?
    • Was kann ich durch Wissen einordnen?
    • Was kann ich konkret gestalten und vorbereiten?

    Diese Drei-Teilung gibt mir die Struktur, die ich brauche, um dem Thema ohne Lähmung zu begegnen.

    Schublade 1: Was gilt es anzunehmen und auszuhalten? – Das Unvermeidbare

    Der erste Schritt zu echter Klarheit ist paradoxerweise das Loslassen. Wir müssen radikal ehrlich trennen, was wir beeinflussen können und was schlicht ausserhalb unserer Macht liegt. Oft versuchen wir Dinge zu kontrollieren, die wir gar nicht beeinflussen können. Das erzeugt genau diese chronische, lähmende Angst.

    Wenn ich auf meine Familiengeschichte blicke, wird mir ein grosser Bruch bewusst: Meine Urgrossmutter und meine Ururgrosseltern lebten ganz selbstverständlich bis zum letzten Tag ihres Lebens innerhalb ihrer Familie. Sie hatten ihren Platz und ihre Aufgabe. Diese automatische, generationenübergreifende Selbstverständlichkeit ist in unserer modernen Gesellschaft weitgehend weggefallen. Wir stehen heute vor einer völlig anderen Realität – unabhängig davon, ob man Kinder hat oder nicht.

    Als ich beginne, mein eigenes unklares Knäuel an Gedanken zu sortieren, kristallisieren sich drei Dinge heraus, die in diese erste Schublade gehören:

    Die biologische Realität des Alterns: Unser Körper verhält sich nicht linear. Ich laufe und trainiere viel und regelmässig, esse gesund, um meine Gesundheit und meine Kraft zu erhalten. Aber ich kann den biologischen Prozess an sich nicht stoppen. Dass sich die Kräfte irgendwann verändern, ist eine Tatsache, die ich nicht wegdiskutieren kann – auch wenn gerade dieser Trend sehr aktuell ist, das Altern und Sterben weit hinauszuschieben. Ich darf für mich annehmen, dass diese körperlichen Veränderungen eintreffen werden. In diesem unaufhaltsamen Prozess haben wir aber durchaus Mitwirkungsmöglichkeiten: Wie wir leben, bestimmt massgeblich unsere Zukunft.

    Die Unberechenbarkeit der Zukunft: Trotzdem weiss ich heute mit Ende 50 nicht, wie ich mit 80 leben werde. Ich weiss nicht, wer von uns beiden – mein Mann oder ich – zuerst geht oder wie sich das gesellschaftliche Gefüge in zwanzig Jahren mit den Gegebenheiten der Alterspyramide organisiert. Diese absolute Gewissheit und Absicherung für jedes erdenkliche Szenario gibt es einfach nicht.

    Das Restrisiko der Abhängigkeit: Es gibt im Leben keine eingebaute Garantie dafür, dass ich niemals in eine Situation geraten werde, in der ich auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen bin. Dieses Risiko ist Teil unserer Existenz als Menschen.

    Wie schmerzhaft es ist, wenn das Unvermeidbare bis zuletzt verdrängt wird, hat mein Mann Chris erlebt. Sein Vater erkrankte an Lungenkrebs im Endstadium. Obwohl die Medizin an ihre Grenzen gelangt war, wurde bis zuletzt versucht, das Unabwendbare aufzuhalten – inklusive schwerer Eingriffe, die medizinisch kaum noch Sinn ergaben. Am Ende verstarb er im Krankenhaus auf der Intensivstation, ohne die Situation richtig akzeptieren oder zu können. Damals entsprach dieses Vorgehen dem medizinischen Konsens. Aus heutiger Sicht bleibt vor allem das Bewusstsein, wie wertvoll es gewesen wäre, den Tatsachen frühzeitiger ins Auge zu blicken, um die verbleibende Zeit in Würde und Frieden zu gestalten.

    Vielleicht fragst du dich jetzt: Was fange ich mit dieser Aussage an? Das hilft mir doch nicht weiter. Die Erkenntnis allein, dass dieses Risiko existiert, reicht natürlich nicht aus. Sie lässt uns eher ohnmächtig zurück. Die eigentliche Antwort auf dieses Restrisiko liegt nicht in einer lückenlosen Absicherung, sondern im Vertrauen auf die eigene Anpassungsfähigkeit und die der Gesellschaft.

    Wenn unvorhergesehene Dinge passieren, wirst du im selben Moment die Kraft und die Organisationskompetenz aufbringen, um mit der neuen Situation umzugehen. Woher ich dieses Vertrauen nehme? Denk einmal an die Krisen zurück, die du in deinem Leben schon gemeistert hast! Das ist der unschätzbare Vorteil von Lebenserfahrung: Situationen mit ähnlichen Mustern wiederholen sich zwar, aber wir begegnen ihnen in einer völlig anderen Qualität – weil wir wachsen, stärker und anpassungsfähiger geworden sind.

    Auch ich war in jungen Jahren plötzlich erkrankt. Von heute auf morgen lag ich im Krankenhaus mit wenig rosigen Prognosen. Ich war hilflos. Aber ich habe einen Weg gefunden, habe gekämpft und mich auch widersetzt. Die Prognosen sind nicht eingetroffen. Das hilft mir heute ungemein. Ich muss die Krise von übermorgen nicht heute schon lösen. Es reicht zu wissen: Ich habe mein ganzes Leben lang komplexe Übergänge gemeistert – ich werde es auch dann tun. Radikale Akzeptanz bedeutet nicht Kapitulation, sondern das Vertrauen in die eigene Bewältigungskompetenz, wenn der Ernstfall eintritt.

    Warum uns diese Schublade entlastet:

    Indem wir diese unbeeinflussbaren Punkte ganz bewusst in der Schublade „Annehmen und Aushalten“ ablegen, befreien wir uns von dem zermürbenden Druck, das Unmögliche regeln zu wollen. Wir hören auf, uns an ungelegten Eiern abzuarbeiten. Dieser Angst vor dem Unbeeinflussbaren ins Auge zu blicken und sie sich klarzumachen, schafft augenblicklich Entlastung.

    Und es setzt genau die Energie und den Raum im Kopf frei, den wir brauchen, um uns den Dingen zuzuwenden, die wir tatsächlich gestalten können. Denn selbst in dem Unbeeinflussbaren stecken viele Anteile, die wir aktiv beeinflussen und verändern können.

    Schublade 2: Was kann ich durch Wissen einordnen? – Die Fakten

    Viel von unserer Angst speist sich aus Glaubenssätzen, Horrorszenarien, gesellschaftlichen Mythen oder starren Theorien. Wenn wir uns jedoch echtes Wissen aneignen, verliert das Unbekannte seinen Schrecken. Fakten schaffen die nötige Distanz zu Szenarien, die uns Angst machen.

    Was sortiere ich in diese zweite Schublade?

    Die Einzigartigkeit des Weges: In der Wissenschaft und den Medien wird das Altern oft statistisch und standardisiert dargestellt. Doch Gian Domenico Borasio, der tausende Menschen im Sterbeprozess begleitet hat, betont ein wichtiges Detail: Jeder Mensch ist einzigartig. Die Unterschiedlichkeit der Menschen am Lebensende ist so gross, dass wir uns das gar nicht vorstellen können. Entsprechend individuell verläuft auch der Übergang. Es gibt keine Schablone dafür, wie man altert, wie man sich dabei fühlt oder wie man mit diesen Veränderungen umgeht. Dass mein Partner oder dein Angehöriger einen ganz anderen Blick darauf hat, ist kein Defizit – es ist die logische Konsequenz unserer unterschiedlichen Persönlichkeiten und Biographien. Wir dürfen unseren eigenen, individuellen Weg gehen.

    Die Illusion der „Absicherung durch Kinder“: Der Gedanke, dass eigene Kinder die Garantie für ein gut versorgtes Alter sind, hält sich standhaft – hält der Realität aber oft nicht stand. Berichte zur Pflegebelastung (wie der BARMER Pflegereport oder Erhebungen der ZHAW) zeigen regelmässig: Die Pflege durch Angehörige führt bei über der Hälfte der Pflegenden zu schwerer körperlicher und emotionaler Überlastung. Das führt nicht selten zu schmerzhaften Grenzverletzungen auf beiden Seiten. Wer keine Kinder hat, verlässt sich seltener auf das Prinzip Hoffnung. Daten aus der Altersforschung (wie dem Deutschen Alterssurvey) verdeutlichen, dass kinderlose Menschen ihre rechtliche und organisatorische Altersvorsorge – von Vollmachten bis zu Wohnformen – meist früher und verbindlicher regeln. Professionelle Strukturen bieten eine emotionale Distanz, die nicht Kälte bedeutet, sondern Schutz: Sie schützt vor Überforderung auf beiden Seiten und sichert die eigene Autonomie.

    Die Gefahr der Übermedizin: Der amerikanische Chirurg Atul Gawande beschreibt in seinem Buch „Sterblich sein“ eindrücklich das Dilemma der modernen Medizin: Das System ist darauf getrimmt, um jeden Preis zu reparieren und das Leben zu verlängern – selbst dann, wenn der Preis das Leiden des Patienten und der Verlust jeglicher Lebensqualität ist. Obwohl sich die meisten Menschen wünschen, im gewohnten Umfeld zu versterben, sterben tatsächlich nur knapp 20 % der Menschen zu Hause. Gawande zeigt auf, dass wir am Lebensende selten an Unterversorgung leiden, sondern viel öfter an einer unkontrollierten Übertherapie durch eine technisierte Apparatemedizin. Borasio schildert einen konkreten Fall, der ihn sehr bewegt hat: Eine weit über 90-jährige Frau hatte Krebs im Endstadium; sie war Jüdin und hatte Auschwitz überlebt. Obwohl sie wusste, dass weitere Massnahmen wie eine Reanimation nur Leiden für sie bringen würden, stimmte sie zu. Sie glaubte, ihr Sohn würde es psychisch nicht verkraften, wenn er nicht das Bewusstsein hätte, bis zum Schluss für ihr Überleben gekämpft zu haben. Die Patientin starb unter Reanimation – und Borasio hoffte, dass sie das so nicht mitbekommen hat, sondern glücklich war, weil sie es für ihren Sohn getan hat. Ein Grossteil der medizinischen Massnahmen in den letzten Lebensmonaten dient nicht mehr dem Wohlbefinden, sondern entspricht dem Hilflosigkeitsreflex von Ärzten und Angehörigen, wenn kein klarer Wille formuliert wurde. Gawande plädiert dafür, der Medizin rechtzeitig die richtigen Fragen zu stellen: Nicht „Was können wir noch tun?“, sondern „Was ist dir in der verbleibenden Zeit noch wichtig?“. Dieses Wissen zeigt mir: Nicht die Medizin entscheidet über mein Lebensende, sondern mein formulierter Wille.

    Warum uns diese Schublade entlastet:

    Indem wir Fakten an die Stelle von diffusen Ängsten setzen, erkennen wir: Wir müssen nicht in ein vorgefertigtes System passen. Das Wissen um die tatsächlichen Dynamiken der Medizin und der Pflege nimmt dem Altern die Ohnmacht. Es gibt uns die Freiheit und die Verantwortung, den Übergang genau so zu gestalten, wie es für uns – und niemanden sonst – stimmig ist.

    Schublade 3: Was kann ich gestalten und vorbereiten? – Mein Handlungsspielraum

    Wie fühlt sich das an, wenn Ordnung in die diffusen Gefühlslagen kommt? Das Ohnmachtsgefühl und die Angst, die sich sonst leicht ausbreiten, weichen einer spürbaren Erleichterung. Mich entlastet es sehr, wenn ich klar sehe, wo ich aktiv etwas tun kann – und dass ich Zeit habe, mich vorzubereiten. Auch in der Akzeptanz von Themen, die schlicht Teil unserer Existenz sind. Spätestens seit der Coronazeit wissen wir alle, dass wir nicht alles organisieren und voraussehen können, dass Unschönes passieren kann und wie existenziell wichtig Autonomie und Selbstbestimmung vor allem im Alter sind.

    Nachdem wir das Unvermeidbare angeschaut und die Fakten geordnet haben, öffnet sich der entscheidende Raum: unser tatsächlicher Handlungsspielraum. Hier wechseln wir von der Passivität ins aktive Handeln. Denn Selbstbestimmung fällt nicht vom Himmel – sie ist das Ergebnis von klarer Vorbereitung.

    Ich kenne diese Fragen nicht nur aus der Beratung, sondern ganz persönlich. Meine Eltern sind jetzt 83 Jahre alt. Ich lebe rund 800 Kilometer entfernt von ihnen und bin Einzelkind. Natürlich beschäftigt mich die Frage, was kommt. Durch meine Selbstständigkeit habe ich das Privileg, zeitlich flexibel zu sein und Phasen bei ihnen verbringen zu können. Doch das Wesentliche für mich ist: Ihre Selbstbestimmung steht an erster Stelle. Es soll so gestaltet werden, wie sie es sich wünschen. Sie haben weitgehend alles für sich vorbereitet – und mir ist wichtig, dass sie ihren Weg bis zuletzt selbstbestimmt gehen können. Vorbereitung nimmt hier nicht die Nähe, sie schafft den Raum dafür.

    Was gehört in diese dritte Schublade?

    Die rechtliche und organisatorische Klarheit: Wir können nicht beeinflussen, ob oder wann wir auf Hilfe angewiesen sind. Aber wir können punktgenau festlegen, wer für uns sprechen soll und wie in unserem Sinne entschieden wird, wenn wir es selbst nicht mehr können. Von der Patientenverfügung über den Vorsorgeauftrag bis hin zur finanziellen Ordnung: Das Ausfüllen und Hinterlegen dieser Dokumente ist kein pessimistischer Blick auf den Tod, sondern ein Akt des Lebens – und eine enorme Entlastung für Angehörige, die im Ernstfall nicht raten müssen.

    Die Wahl des Umfelds und der Wohnform: Eine extrem wichtige Frage für meinen Mann und mich. Wie und wo möchte ich leben, wenn die Kräfte nachlassen? Gerade wer in einem Haus mit Umschwung lebt oder in einer Wohnung, die gross ist oder im Dachgeschoss liegt, wird sich diese Frage früher oder später stellen. Ich habe für mich längst eingepreist, dass ich mein Haus in Schweden, das ich so sehr liebe, im hohen Alter vielleicht nicht mehr selbst bewirtschaften kann. Wie genau es kommen wird, weiss ich heute nicht – und das ist auch gut so. Fakt ist: Auch wenn wir die Zukunft nicht bis ins letzte Detail planen können, können wir frühzeitig Weichen stellen. Wir können Barrieren in den eigenen vier Wänden reduzieren, Netzwerke aufbauen oder uns mit alternativen Wohnmodellen auseinandersetzen, bevor eine Krise uns die Entscheidung abnimmt. Ich sehe das als einen fortlaufenden Prozess – nichts, was mich ständig umtreibt, aber eine Tatsache, die ich nicht verdränge. Wenn man mit diesem Bewusstsein durchs Leben geht, ergeben sich sinnvolle Schritte ganz organisch.

    Die Pflege der eigenen Bewältigungskompetenz: Unser Lebensstil heute ist die direkte Investition in unsere Anpassungsfähigkeit von morgen. Hier schliesst sich der Kreis zu dem eindrücklichen Zitat von Borasio: «Man stirbt, wie man lebt.» Wie wir mit Veränderungen umgehen, lernen wir nicht erst am Lebensende, sondern jeden Tag im Hier und Jetzt. Zur Bewältigungskompetenz gehört weit mehr als körperliche Fitness und gesunde Ernährung. Es ist vor allem die geistige und emotionale Flexibilität: Beziehungen zu pflegen, die uns wirklich tragen, Offenheit für Unvermeidbares zu bewahren und das Vertrauen in die eigene Widerstandskraft zu stärken. Dazu lohnt sich immer wieder der pragmatische Blick zurück: Welche Krisen habe ich in meinem Leben bereits gemeistert? Aus welchen Umbrüchen bin ich gestärkt hervorgegangen? Diese Lebenserfahrung ist unser grösstes Kapital für die Zukunft.

    Warum uns diese Schublade stärkt:

    Schublade 3 verwandelt diffuse Angst in konkretes Tun. Indem wir unseren Handlungsspielraum voll ausschöpfen, hören wir auf, uns als potenzielle Opfer des Älterwerdens zu fühlen. Wir übernehmen Verantwortung für unseren Weg – ruhig, sachlich und selbstbestimmt.

    Wie es weitergeht

    Der Inhalt dieser dritten Schublade ist so zentral, dass es mit dem blossen Wissen darum nicht getan ist. Weil die konkrete rechtliche und organisatorische Vorbereitung – von der Patientenverfügung über den Vorsorgeauftrag bis hin zur geordneten Dokumentenablage – Schritt für Schritt angegangen werden muss, widmen wir uns der praktischen Umsetzung in einer kleinen Serie.

    Den Anfang macht der Artikel „Vorsorgeauftrag: Warum der Ehering keine Vollmacht ist“. Wenn du das nicht allein angehen möchtest: Im Orientierungsgespräch schauen wir gemeinsam, wo du stehst und was als Erstes ansteht.

    Fazit: Aktiv leben, selbstbestimmt altern

    Und damit schliesst sich der Kreis zu Gian Domenico Borasios Satz: „Man stirbt, wie man lebt.“

    Dieser Satz ist kein Urteil, sondern eine Einladung. Er nimmt dem Sterben und dem Altern das Bedrohliche. Er sagt uns: Wir müssen uns im Alter nicht neu erfinden. Wenn wir heute – im Hier und Jetzt – lernen, unklaren Situationen mit Struktur und Klarheit zu begegnen, uns flexibel anpassen und die Dinge mutig vorbereiten, die wir beeinflussen können, dann tun wir das auch dann, wenn es darauf ankommt.

    Die beste Altersvorsorge ist keine starre Versicherungspolice und kein festgezurrtes Netzwerk. Es ist die Haltung, mit der wir jeden Tag leben.

    Wer heute selbstbestimmt lebt, wird auch selbstbestimmt altern.

    Quellen und weiterführende Literatur

    Bücher & Experten

    Borasio, Gian Domenico: Über das Sterben. Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf vorbereiten. C.H.Beck, München.

    Borasio, Gian Domenico: SRF Sternstunde Philosophie – Interview zum Thema «Wie sieht die Zukunft des Sterbens aus?».

    Gawande, Atul: Sterblich sein. Was am Ende zählt. Über die Medizin und was sie am Ende des Lebens tun kann. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.

    Studien & Erhebungen

    Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA): Deutscher Alterssurvey (DEAS). Erhebungen zur Eigenverantwortung, Vorsorge und Lebenssituation im höheren Alter.

    BARMER Ersatzkasse: BARMER Pflegereport. Regelmässige Erhebungen zur psychischen und physischen Belastung pflegender Angehöriger.

    ZHAW / Schweizerisches Rotes Kreuz: Angehörigenpflege in der Schweiz. Studien und Berichte zur Belastung und Notwendigkeit professioneller Pflegestrukturen im häuslichen Umfeld.

  • Der Preis des Auswanderns: Warum ein Wechsel in der Mitte des Lebens anderes Gepäck braucht

    Der Preis des Auswanderns: Warum ein Wechsel in der Mitte des Lebens anderes Gepäck braucht

    Dass ich das mal sagen werde: Ich bin in meinem Leben zweimal ausgewandert. Das erste Mal mit Mitte 20: Ich zog mit zwei Koffern und ohne mir große Gedanken zu machen in die Schweiz. Eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten war damals schwierig, ein Studium anerkennen zu lassen ebenfalls. Darüber machte ich mir keine Gedanken, das Leben lag noch vor mir. Ich hielt mich mit Gelegenheitsjobs im Gastgewerbe über Wasser, hatte keinen großen Ballast und ging ohne viel Erfahrung, aber mit einer jugendlichen Unbekümmertheit an die Sache heran. Die Themen, die es zu bewältigen galt, kamen nach und nach. Ich habe in der Schweiz nochmals ein Studium abgeschlossen, mit Heimweh gekämpft und eine Scheidung durchlebt.

    Fast dreißig Jahre später, mit knapp 54, habe ich den Schritt noch einmal gewagt – gemeinsam mit meinem Ehemann ging es nach Schweden. Es war ein langwieriger Entscheidungsprozess mit Pro- und Kontralisten, Ja-Sagen, Rückzieher-Machen und dann ging es doch los: mit viel mehr Gepäck im Auto und einem großen Rucksack an Berufs- und Lebenserfahrung. Wir hatten vieles bedacht, aber nicht alles.

    Heute leben wir eine Mischform aus beiden Welten.

    Aus dieser doppelten Erfahrung weiß ich: Wenn man sich in einer späteren Lebensphase für einen radikalen Ortswechsel entscheidet, wiegt das unsichtbare Gepäck um ein Vielfaches schwerer. Ein Wandel in der Mitte des Lebens ist kein unbeschwertes Abenteuer, sondern ein hochkomplexes Strukturprojekt. Wenn man eine etablierte Karriere, finanzielle Absicherungen und tief verwurzelte Gewohnheiten mitnimmt, verschieben sich die Spielregeln massiv. Wer den realen Preis des Auswanderns nicht kennt, riskiert, dass der Traum an den harten Fakten zerschellt.

    Es sind vor allem drei unsichtbare Brocken im Gepäck, die eine nüchterne Analyse erfordern.

    1. Der berufliche Status-Verlust und die Beziehungsdynamik

    Als junge Frau stand ich am Anfang meiner Berufslaufbahn – da gab es noch keine Karriere zu verlieren. Beim Schritt nach Schweden mit über 50 war das anders. Ich hatte völlig unterschätzt, was die berufliche Veränderung mit mir machen würde. Während mein Mann durch seine Anstellung sofort im neuen System integriert war und Kollegen hatte, wechselte ich in die Online-Selbstständigkeit. Ich kletterte auf der Hierarchieleiter bewusst nach unten, arbeitete stundenweise und kümmerte mich um das Haus.

    Was vielleicht nach einer idyllischen Auszeit klingt und auf Social-Media-Kanälen auch des Öfteren zu sehen ist, ist in der Praxis ein harter Stresstest für den eigenen Selbstwert. Die mühsam aufgebaute berufliche Identität bricht weg und die Dynamik in der Partnerschaft verschiebt sich. Wer diesen Schritt geht, braucht eine enorme mentale Stabilität und die Fähigkeit, sich abseits von alten Titeln völlig neu zu strukturieren.

    2. Das finanzielle Minenfeld: Die Altersvorsorge unter der Lupe

    Mit Mitte 20 verschwendet man keinen Gedanken an die Rente. In einer späteren Lebensphase ist die Altersvorsorge die größte strukturelle Stellschraube überhaupt. Ein massiver, oft völlig unterschätzter Faktor sind die internationalen Steuer- und Sozialsysteme.

    Wer sich über Jahrzehnte hinweg eine solide Existenz aufgebaut, eine Pensionskasse erarbeitet oder Rentenansprüche erworben hat, erlebt im neuen Wunschland oft eine bürokratische und finanzielle Ernüchterung. Die Systeme in anderen Ländern kennen oft völlig andere, erhebliche Beschränkungen oder höhere Steuersätze auf ausländische Vorsorgegelder und Renten.

    Wird diese Mathematik im Vorfeld nicht detailliert und sachlich geprüft, kann das erarbeitete Vermögen im neuen System massiv zusammenschrumpfen. Ein Ortswechsel im Alter ist kein romantischer Impuls, sondern ein komplexes Finanzprojekt, das eine ungeschminkte Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen verlangt – damit man genau weiß, was vom Sozialsystem her auf einen zukommt.

    3. Das unsichtbare soziale Netz: Der Faktor Zeit

    Ein weiterer Preis des Auswanderns ist der Verlust des gewohnten Sicherheitsnetzes. In jungen Jahren knüpft man Kontakte im Vorbeigehen. Ich habe jedoch sowohl in der Schweiz als auch in Schweden gelernt, dass der Aufbau von tiefen Beziehungen, die vor allem in einer späteren Lebensphase existenziell werden, Schwerstarbeit ist. In einem sehr weitläufigen Land wie Schweden gilt das umso mehr. Man ist bei vielen alltäglichen Dingen stark auf lokale Unterstützung angewiesen, sei es von Familienmitgliedern, Freunden oder Nachbarn.

    Es dauert oft mehrere Jahre, bis ein neues Netzwerk so tragfähig ist, dass man sich im Ernstfall, bei Krankheit oder in Krisen zu 100 % darauf verlassen kann. Im Ausland startet man bei dieser sozialen und emotionalen Absicherung unweigerlich bei Null. Diese Phase der Orientierungslosigkeit und des fehlenden Rückhalts muss man aushalten können.

    Fazit: Struktur statt Illusion

    Ein radikaler Wandel in der Mitte des Lebens ist keine Frage von Mut oder bloßem Bauchgefühl, frei nach dem Motto: „Lebe deinen Traum, wenn nicht jetzt, wann dann?“ Es braucht eine ordentliche Portion Ordnung und Realismus. Wer Existenzielles zu verlieren hat, darf sich nicht im Chaos der Sehnsüchte verlieren, sondern muss die Ressourcen sichern, die bereits da sind.

    Bevor man Verträge kündigt und Kisten packt, braucht es eine schonungslose Bestandsaufnahme: Wie sichern wir die Existenz? Welche steuerlichen Beschränkungen kommen auf uns zu? Und wie fangen wir das System auf, wenn die äußere Vertrautheit wegbricht? Was ist mit unserer Immobilie, die wir im Heimatland besitzen? Welche bürokratischen Fallstricke können auf uns zukommen?

    Genau an diesem Punkt setzt meine Arbeit an. Als diejenige, die es selbst erfahren und zweimal durchlebt hat, und als professionelle Beraterin begleite ich Menschen in komplexen Umbruchsituationen. Ich liefere keine schnellen Wohlfühl-Lösungen und keine emotionalen Versprechen. Gemeinsam holen wir das Chaos der Optionen auf eine sachliche Ebene, analysieren die harten Fakten und erarbeiten Schritt für Schritt die Klarheit, die du für deine Entscheidungen brauchst.