Kategorie: Arbeitswelt & Beruf

  • Raus aus dem Funktionieren: Wie wir unsere eigene Urteilskraft zurückgewinnen

    Raus aus dem Funktionieren: Wie wir unsere eigene Urteilskraft zurückgewinnen

    In meinen Beratungsgesprächen begegnet mir häufig ein bestimmtes Bild: Mir gegenüber sitzen Menschen, die mitten im Leben stehen – sich aber überlastet und erschöpft fühlen. Selten ist es die rein physische Menge an Arbeit oder eine strukturelle Belastung am Arbeitsplatz, sondern eine neuartige Form der permanenten Anspannung.

    Mal Hand aufs Herz: Wann hast du das letzte Mal eine berufsbezogene oder auch private Entscheidung getroffen, ohne sie vorher mehrfach abzusichern oder digital gegenchecken?

    Nehmen wir als Beispiel KI, wie Gemini, ChatGPT oder Claude. Sie haben durchaus eine entlastende Funktion: Sie nehmen uns die Hürde des leeren Blattes ab, liefern Entwürfe, ordnen Gedanken und lose Informationen und sparen dabei auch Zeit. Das Prinzip ist nicht neu – wir kennen das längst aus dem Privaten: Wir schauen morgens auf die Smartwatch, um zu wissen, ob wir gut geschlafen haben. Wir prüfen Wetter-Apps, bevor wir vor die Tür gehen, lassen das Navi mitlaufen und wählen Restaurants nur noch nach Sternen-Bewertungen, vergleichen Produkte. Wir messen Schritte und Pulswerte, statt einfach auf den eigenen Körper zu hören.

    Und doch bergen diese Erleichterungen eine schleichende Gefahr.

    Indem wir Antworten sofort im Aussen suchen, verlernen wir unbemerkt, auf unser eigenes Urteil oder die fachliche Intuition zu hören. Wir verlieren schleichend die Fähigkeit, Unsicherheiten und unklare Situationen schlicht auszuhalten, auf uns wirken zu lassen. Wir kennen das auch mit dem klassischen Satz «ich werde mal drüber schlafen».

    Die erhoffte Entlastung bleibt aus, weil sich die mentale Anspannung nur verschiebt: Wir hören auf, selbst zu entscheiden, in dem wir unser Gefühl mit dem Verstand abgleichen, sondern wir werden zunehmend zu Prüfern externer Ergebnisse. Statt Entspannung entsteht eine ermüdende Dauerkontrolle, die uns schleichend das Vertrauen in unsere eigene Urteilskraft raubt.

    1. Das Phänomen des Ausbrennens: Der ungelöste Konflikt

    Wenn Klienten in meine Beratung kommen, geht es meist um Zeitmangel, Termindruck oder unschaffbare Aufgabenberge. Blicken wir jedoch genauer hin, liegt die Ursache selten in der reinen Menge an Arbeit.

    Der als negativ erlebte Stress ist im Kern ein Gefühl von Hilflosigkeit – das Erleben, die Situation nicht mehr kontrollieren zu können. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen eigenen Bedürfnissen und äußeren Anforderungen oder einfacher gesagt, es läuft nicht so, wie ich will. Doch was bringt das Fass schließlich zum Überlaufen?

    Nach Dr. Miriam Prieß geht jedem schleichenden Ausbrennen ein Abbruch der Beziehung zu sich selbst voraus. Gelingen Beziehungen, gelingt das Leben. Was in der Überforderung fehlt, ist der echte Dialog auf Augenhöhe – mit anderen und mit sich selbst.

    Viele Klienten wenden ein: „Ich habe kein Problem mit mir selbst. Ich habe einfach zu viel Arbeit und werde nicht gehört.“ Doch genau hier liegt der Knackpunkt. Unter Stress verlassen wir unbemerkt die Augenhöhe: Wir interessieren uns nicht mehr ehrlich für das Gegenüber, sondern nur noch dafür, was der andere für uns tun oder leisten soll. Der Dialog scheitert, die Empathie geht verloren.

    Wer seinen eigenen Wert nur daran misst, dass er perfekt funktioniert, gerät bei jedem Widerstand unter Druck. Wir flüchten uns in Rechtfertigungen, wollen stur recht behalten oder leisten stummen Widerstand. Dauerhafter Kampf führt schließlich zu körperlichen Symptomen – von Schlaflosigkeit bis Rückenschmerzen. Um der Hilflosigkeit zu entgehen, flüchten wir rein ins Kopf-Denken.

    Genau an diesem Punkt werden digitale Tools und KI zur verlockenden Ausweichbewegung. Sie erscheinen ideal, weil sie widerspruchslos unsere Version der Geschichte bestätigen und auf Knopfdruck Patentrezepte liefern.

    Was dabei entsteht, ist jedoch das Gegenteil von Dialog. Ein Tool kann dir nicht sagen, wo deine echten Grenzen liegen, und kein schwieriges Gespräch für dich führen. Wer den Dialog mit sich selbst abbricht und Halt nur im Außen sucht, brennt auf Dauer schleichend aus.

    2. Die Falle des reinen Funktionierens: Vom Gestalter zum Vollziehenden

    Digitale Werkzeuge und KI sind an sich weder Segen noch Fluch. Wer sich selbst gut spürt, seine Grenzen kennt und sein Handeln hinterfragt, findet in ihnen eine echte Entlastung. Sie können administrative Hürden nehmen, Zeit sparen, Gedankenchaos ordnen und Raum schaffen für das, was gerade wichtig ist.

    Diese Erfahrung mache ich selbst bei Themen, für die im Alltag oft der Raum fehlt. Durch meinen beruflichen Hintergrund bin ich es gewohnt, eigene Schritte zu hinterfragen, den Blick von außen einzubeziehen und Ergebnisse richtig einzusortieren. So halte ich das Steuer fest in der Hand. Dabei merke ich immer wieder: KI verrennt sich schnell bei unvollständigen Informationen, neigt zu Pauschalen oder liegt schlicht falsch. Und die Kommunikation mit einem Bot ermüdet rasch, wenn man emotionale Zwischentöne sucht, wo nur Logik geliefert wird.

    Zur Falle werden diese Tools aber erst dann, wenn man bereits im reinen Funktionieren steckt. Der Blickwinkel ist dann verengt, man sehnt sich nach schnellen Lösungen und greift nach jedem Patentrezept.

    Fehlt der Dialog mit sich selbst, wird der Griff zu Algorithmen und Vorlagen zum Ausweichmanöver: Wir versuchen, innere Orientierungslosigkeit durch äußere Struktur zu ersetzen. Wie der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, liegt genau hier die große Illusion unserer Zeit: Künstliche Systeme versprechen Entlastung und Sicherheit – doch statt Freiheit geben wir schlicht das Zepter ab.

    Was das für uns bedeutet: Wir entwickeln uns unbemerkt von Gestaltenden zu Vollziehenden. Wir arbeiten vorgegebene Prompts oder Prozesse ab. Das Tool liefert, wir kontrollieren nur noch. Es entsteht eine dauernde, ermüdende Nachprüfung.

    Konkret zeigt sich das im Berufsalltag, wenn E-Mails oder sogar teaminterne Chat-Nachrichten vorab von der KI glattgebügelt werden. Das Gegenüber spürt die fehlende Note sofort. So erweisen wir Beziehungen keinen guten Dienst: Wir weichen Konflikten aus und verstecken Meinungsverschiedenheiten hinter perfekt strukturierten Sätzen.

    Wer jede Unklarheit sofort durch Vorlagen auflöst, verliert die Kraft, Ungewissheiten im Alltag schlicht auszuhalten. Jede kleine Abweichung wird dann sofort als Bedrohung erlebt.

    3. Das 2-Säulen-Modell: Der Weg zurück in den echten Dialog

    Wer raus aus dem reinen Funktionieren möchte, braucht keine neuen Tools. Der Ausweg ist viel einfacher und schwerer zugleich: zuerst wahrnehmen, was der eigene Körper meldet – und dann wieder bewusst entscheiden, statt nur abzuarbeiten.

    Erst wenn diese beiden Säulen stehen, gelingt der Dialog auf Augenhöhe wieder – mit sich selbst, den Mitmenschen und der Realität.

    Säule 1: Auf die eigenen Körpersignale hören – Den Dialog mit sich selbst wieder aufnehmen

    Der Dialog scheitert im Alltag meist schon, bevor das erste Wort gesprochen ist, weil wir den Kontakt zu unseren eigenen Signalen verloren haben. Laut dem Psychiater Thomas Fuchs ist unser Körper das zentrale Organ für Wahrnehmung und Resonanz. Im Funktionsmodus nehmen wir Signale wie eine Enge im Brustkorb, Nackenschmerzen oder ein dumpfes Unwohlsein zwar wahr, übergehen sie aber als störend, reden sie uns aus oder schieben sie beiseite.

    Die erste Säule bedeutet daher Innehalten:

    Hinspüren statt Wegdenken: Was meldet mein Körper in diesem Moment, bevor mein Verstand die Situation schönredet oder nach schnellen Rezepten sucht?

    Die eigene Grenze als Dialogbasis: Unsere körperlichen Reaktionen sind kein Störgeräusch, das wegoptimiert werden muss. Sie sind das erste verlässliche Signal, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Erst wenn wir lernen, diese feinen Signale wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten oder wegzuerklären, gewinnen wir den Kontakt zu unseren eigenen Belastungsgrenzen zurück. Erst wer merkt, wie es ihm selbst geht, hat überhaupt wieder den Kopf frei für andere.

    Das körperliche Signal ist der Auslöser – es zeigt uns unverfälscht, dass etwas nicht stimmt. Dieses kurze Innehalten ist der erste Schritt, wenn auch kein einfacher. Er kann aber gelernt werden. Der zweite Schritt ist dann, mittels Verstand die Situation zu sortieren, um klare Entscheidungen treffen zu können.

    Säule 2: Den Verstand klar ausrichten – Den Dialog mit der Realität führen

    In der zweiten Säule geht es darum, die Regie wieder an den Verstand zu übergeben. Nicht für stundenlange Analysen, sondern um Tatsachen von Vermutungen zu trennen, Ordnung in das Gedankenchaos zu bringen und wieder handlungsfähig zu werden.

    1. Fakten von Bewertung unterscheiden Eine Empfindung zeigt nur, dass etwas nicht stimmt – aber noch nicht, was nicht stimmt. Überforderung oder Wut fühlen sich im Moment zwar absolut wahr an, sind aber oft ein schlechter Ratgeber. Um aus dem Gefühl herauszukommen und die Lage nüchtern zu sehen, helfen drei Fragen:

    Was ist ganz konkret passiert? Was wurde wirklich gesagt, geschrieben oder gefordert – ganz ohne meine Interpretation?

    Was mache ich gerade im Kopf daraus? Welche Befürchtungen, Ängste oder eigenen Ansprüche mische ich gerade dazu?

    Was weiß ich sicher – und was nehme ich nur an? Wo reagiere ich auf Fakten und wo auf mein eigenes Kopfkino?

    2. Eigenverantwortung statt Ausweichen oder Kampfmodus

    Statt sofort zu reagieren, helfen Fragen zur Standortbestimmung:

    Wo weiche ich gerade aus oder schiebe die Schuld nach außen? Verstecke ich mich hinter Prozessen, Reglements oder der Haltung „Da kann man eh nichts machen“? An welcher Stelle mache ich andere für meine Situation verantwortlich?

    Wo verrenne ich mich? Geht es mir gerade wirklich um die Sache – oder nur darum, recht zu behalten und die Kontrolle nicht zu verlieren?

    Was ist mein konkreter Handlungsspielraum? Welchen Schritt kann ich jetzt selbst entscheiden und umsetzen, der mich handlungsfähig macht – völlig unabhängig von den anderen?

    3. Hilfsmittel nutzen, aber selbst entscheiden

    Ob Denkmodelle, Checklisten, Beratung oder KI-Tools: Externe Unterstützung hilft enorm beim Sortieren. Sie nimmt dir aber nicht das Denken ab. Bevor du eine fremde Vorlage ungeprüft übernimmst, helfen drei Fragen:

    Nutze ich das Hilfsmittel zum Sortieren – oder als Versteck? Suche ich nach Klarheit oder hoffe ich unbewusst, dass mir das Tool oder die Beraterin das Risiko der Entscheidung abnimmt?

    Passt die Antwort wirklich zu meiner konkreten Lage? Ist der Ratschlag für meine Situation wirklich stimmig – oder übernehme ich gerade blind ein Schema F?

    Was ist mein eigenes Urteil? Welche Entscheidung vertrete ich am Ende selbst – völlig egal, was die Methode, der Experte oder der Algorithmus vorschlägt?

    Vom Vollziehenden zurück zum souveränen Gestalter

    Erst das Zusammenspiel beider Säulen stellt den echten Dialog wieder her: Das Hineinspüren in den eigenen Körper gibt uns die Wahrnehmung zurück, um den Kontakt zu uns selbst nicht zu verlieren. Die gedankliche Steuerung schenkt uns die nötige Klarheit, um nüchterne Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

    Wer sich selbst wieder spürt und die Realität sachlich ordnet, muss weder in das blinde Funktionieren flüchten noch in Abwehrreflexe verfallen. Hilfsmittel und Methoden – ob analog oder digital – werden dann wieder genau das, was sie sein sollten: dienende Werkzeuge einer souveränen Gestalterin.

    Fazit und Handlungsansatz

    Mir ist bewusst: Das ist keine Zauberformel und im durchgetakteten Alltag verdammt schwer umzusetzen. Ich tappe selbst immer mal wieder in die Falle, meine Körpersignale zu überhören. Aber durch meine eigenen Erfahrungen und meine Beratungspraxis ist mir klar geworden, dass der wichtigste Schritt der erste ist – nämlich die Erkenntnis, dass es eben nicht mit Optimismus und Durchhaltewillen allein getan ist. Es braucht ein ehrliches Hinschauen. Und das wiederum erfordert Übung, manchmal Begleitung und vor allem Mut.

    Impulsfragen zur Selbstreflexion

    1. Wo in meinem Alltag habe ich den Dialog mit mir selbst bereits durch reines Funktionieren ersetzt?
    2. Welche körperlichen Warnsignale übergehe ich derzeit?
    3. An welchen Stellen versuche ich, innere Unsicherheit durch noch mehr Kontrollaufwand, Prozesse oder Vorlagen zu kompensieren, anstatt meiner eigenen Urteilskraft zu vertrauen?
    4. Welcher bisher verdrängten Realität oder Grenze muss ich nüchtern ins Auge blicken, um wieder handlungsfähig zu werden?

    Weiterführende Literatur & Quellen

    • Fuchs, Thomas: Leib, Raum, Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie. Klett-Cotta. (Zur leiblichen Rückbindung, Resonanz und Eigenspürsamkeit)
    • Prieß, Miriam: Burnout kommt nicht nur von Stress. Warum Beziehungen entscheidend sind. Südwest Verlag. (Zum Dialog auf Augenhöhe und dem Abbruch der Beziehungsfähigkeit)
    • Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag. (Zur Entfremdung durch externe Beschleunigungssysteme)
    • Urbaniok, Frank: Darwin schlägt Kant. Über die Schwächen menschlicher Vernunft und ihre Überwindung. Stämpfli Verlag. (Zur kognitiven Steuerung und sachlichen Realitätsprüfung)