Schweden: Die Hürde im Supermarkt
Als ich das erste Mal in einem schwedischen Supermarkt einkaufte, stellte ich fest, dass es keinen Wein gab. Im Regal standen nur Folköl, Bier mit höchstens 3,5 Prozent, und ein grösseres Sortiment an alkoholfreien Weinen. Alles Stärkere gibt es nur im Systembolaget, der staatlichen Ladenkette, die als einzige Alkohol verkaufen darf: unter der Woche meist bis 19 Uhr, samstags bis 15 Uhr, sonntags gar nicht.
Ich trank zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre keinen Alkohol mehr. Wein in Geschäften triggerte mich nicht, aber ich nahm es wahr, und diese Hürde machte mich nachdenklich. Denn sie tut von aussen genau das, was ich mir damals mühsam selbst bauen musste: Sie macht aus dem beiläufigen Griff ins Regal eine bewusste Entscheidung.
In Deutschland und der Schweiz begegnet man der Flasche Wein an jeder Ecke, im Discounter, am Kiosk, an der Tankstelle. Die Umwelt hat keine Bremse eingebaut. Wer weniger trinken will, muss das allein mit Willenskraft schaffen, immer wieder aufs Neue.

Schwedischer Supermarkt mit alkoholfreiem Weinangebot
Schweden ist dabei aber kein Land der Abstinenzler. Am Wochenende wird gefeiert, und eine Flasche Wein ist ein beliebtes Mitbringsel. Was die Hürde verändert, ist weniger die Menge als das Muster: Das unauffällige Glas unter der Woche hat es dort schwerer. Und genau um dieses Glas geht es mir.
Der Graubereich hat keinen Namen
Nach medizinischen Kriterien hätte mir niemand eine Abhängigkeit bescheinigt. Ich arbeitete Vollzeit als Beraterin, ging regelmässig ins Gym, lief lange Strecken und absolvierte mehrere Halbmarathons und Marathons. Und trotzdem trank ich regelmässig Rotwein. Mal mehr, mal weniger.
Das Glas hatte bei mir eine Aufgabe: Es half mir beim Runterfahren nach einem vollen Tag. Am Wochenende gehörte es auch dazu, mit Bekannten oder allein zu Hause. Und als introvertierter Mensch machte es mir Geselligkeit viel leichter. Mit einem Glas in der Hand war ich entspannter, offener, gesellschaftsfähiger.
Was mich so lange beruhigt hat, war meine Disziplin. Wer so viel leistet und so diszipliniert lebt, hat sicher gar kein Problem. Das Funktionieren war das beste Alibi.
Dazu kam die Kontrolle. Ich wusste genau, wann ich nicht oder wenig trinken sollte: vor langen Läufen und Trainingseinheiten, vor anspruchsvollen Arbeitstagen. Und ich hielt mich daran. Und genau das ist der Trugschluss, wenn man sich in diesem Graubereich bewegt: Wer Pausen machen kann, hält sich für frei.
Der ehrliche Test ist ein anderer. Ich habe mehrmals versucht, weniger zu trinken, zum Beispiel nur am Wochenende. Es hat jedes Mal nur kurz funktioniert. Danach war das Glas beiläufig wieder da, beim Kochen, da wurde der Wein sowieso gebraucht, vor dem Fernseher. Und mit der Zeit beschlich mich dieses seltsame Gefühl, dass es eben doch nicht so gut ist. Viele kennen das. Ab 40 steckt man das auch nicht mehr so weg, der Körper verzeiht viel weniger. Man schläft schlechter, wenn man etwas getrunken hat.
In unserer Gesellschaft kennen wir aber nur zwei Schubladen: süchtig oder nicht. Wer nicht in die erste passt, landet automatisch in der zweiten und hat damit offiziell überhaupt kein Problem. Der Graubereich dazwischen hat keinen Namen. Und was keinen Namen hat, wird nicht wirklich thematisiert.
Streng genommen war es aus meiner Sicht doch eine psychische Abhängigkeit, eine Gewohnheit, die sich nicht mehr wie Freiheit anfühlte. Und heute weiss ich, dass ich damit nicht allein war. Die Gruppe ist gross. Sehr viele Menschen bewegen sich genau in diesem Bereich: das Glas nach der Arbeit, das Bier zum Abschalten, das Gläschen, das einfach dazugehört. In Filmen wird getrunken, bei Firmenevents, auf Geburtstagsfeiern, überall.

Dazu kommt eine nüchterne Tatsache: Auch kleine, regelmässige Mengen sind nicht harmlos. Die Weltgesundheitsorganisation hält fest, dass es keine Menge Alkohol gibt, die für die Gesundheit unbedenklich ist. Das Risiko beginnt mit dem ersten Glas, nicht erst beim Rausch. Und die alte Faustregel, Rotwein schütze das Herz, hält nicht stand: Ein Nutzen, der das Krebsrisiko aufwiegt, ist laut WHO nicht belegt.
Der 8. Oktober 2020: Struktur von aussen
Dann kam die Coronazeit. Wir sassen zu Hause, und der Abendwein war bei mir zur festen Begleitung geworden. Ich spürte: So geht es nicht weiter.
Ich habe mir dann eine Hürde von aussen geholt. Ich habe einen Online-Kurs gemacht, der genau auf mein Muster zugeschnitten war, und mich einer Gemeinschaft von Menschen angeschlossen, die genau wie ich mitten im Leben standen und trotzdem von diesem Muster loskommen wollten. Am 8. Oktober 2020 habe ich komplett aufgehört. Heute sind es sechs Jahre, und ich habe es nie bereut.
Der Kurs war auf die ersten 60 Tage ausgelegt. In den ersten 30 Tagen gab es jeden Tag neue Inhalte und Aufgaben zur Reflexion und zum Aufbau neuer Gewohnheiten, danach bis Tag 60 alle zwei Tage. Die ersten Tage waren die wackligsten. Danach wurde es ruhiger, aber erledigt war das Thema damit noch lange nicht. Denn das Umfeld erinnert einen ständig daran: Möchtest du ein Glas? Trinkst du gar nichts? Wie, auch nicht zum Anstossen? Und wenn alle Sekt bekommen, steht vor dir plötzlich ein Wasserglas. Wer mitanstossen will wie alle anderen, muss ausdrücklich nach einem Sektglas fragen, mit etwas anderem darin.
Nicht mehr zu trinken ist deshalb nicht nur eine innere Entscheidung. Man muss sie auch nach aussen immer wieder vertreten. Bis das selbstverständlich wird, für einen selbst und für die anderen, braucht es deutlich länger als 60 Tage. Das ist kein Rückschlag, sondern der normale Weg.
Ehrlich gesagt: Ohne Alkohol wird das Leben nicht einfacher. Als introvertierter Mensch merke ich das besonders. Früher hat das Glas Familienfeiern und Abende mit viel Smalltalk gefühlt verkürzt. Ohne Glas ist so ein Abend einfach lang. Einfacher wird das Leben also nicht. Aber klarer.
Im Rückblick war das mein privates Systembolaget. Der Online-Kurs gab mir Wissen über das, was im Körper und im Kopf passiert. Der Austausch mit Menschen, denen es ähnlich ging und für die das Weglassen normal war und nicht erklärt werden musste. Beides zusammen hat geschafft, was meine Disziplin allein nicht geschafft hatte.
Das Überraschende war: Nicht trinken fiel mir leichter als weniger trinken. Eine klare Entscheidung musste ich nur einmal treffen und dann nie wieder.
Warum gerade die ersten Wochen?
Die ersten Wochen sind entscheidend, aber anders, als die bekannte Faustregel behauptet. Dass eine neue Gewohnheit nach 21 oder 30 Tagen fertig sei, ist ein Mythos.
Die Gesundheitspsychologin Phillippa Lally hat am University College London untersucht, wie lange es dauert, bis ein neues Verhalten automatisch abläuft. Im Mittel waren es 66 Tage, je nach Person zwischen 18 und 254. Spannender ist der Verlauf: Die Automatik wächst am Anfang am stärksten und danach immer langsamer. Und ein einzelner Ausrutscher warf die Teilnehmenden nicht zurück.
Im Bild gesprochen: 30 Tage bauen im Gehirn noch keine fertige Autobahn. Aber sie legen die Trasse. In keiner anderen Phase wird der neue Weg so deutlich gespurt.
Dazu kommt, was der Körper in einem Monat zurückgibt. Am Royal Free Hospital in London verzichteten 94 Menschen, die regelmässig mässig bis viel tranken, einen Monat lang auf Alkohol. Danach waren Insulinresistenz, Blutdruck und Gewicht messbar besser. Sieben Monate später tranken sie rund 20 Prozent weniger als vorher.
Eine Studie der University of Sussex zum Dry January zeigt Ähnliches: 72 Prozent der Teilnehmenden schliefen besser, 80 Prozent fühlten sich ihrem Trinken gegenüber mehr in Kontrolle. Und noch im August tranken sie weniger als zu Jahresbeginn.
30 Tage sind also kein Zauberwert. Aber sie reichen, um den Unterschied am eigenen Körper zu spüren. Und dieses Erleben trägt weiter als jedes Argument.

Eigene Hürden bauen, wenn der Rahmen fehlt
Ausserhalb von Schweden steht die Flasche an jeder Ecke. Wer sein Muster ändern will, muss sich die fehlende Bremse also selbst einbauen. Das geht, wenn man aufhört, auf reine Willenskraft zu setzen, und anfängt, die Umgebung zu verändern.
- Die Verfügbarkeit verringern. Was nicht im Haus ist, muss erst geholt werden. Schon dieser Weg macht aus einer Gewohnheit eine Entscheidung.
- Die Aufgabe des Glases ernst nehmen. Das Glas hat etwas für dich getan: runterfahren, belohnen, Geselligkeit erleichtern. Wer es nur weglässt, hinterlässt eine Lücke. Die Frage ist, was diese Aufgabe stattdessen übernehmen kann. Wie kannst du dir anders etwas Gutes tun, wie anders entspannen?
- Einmal entscheiden statt jeden Abend. Ein klarer Zeitraum ohne Alkohol, etwa 30 Tage, ist leichter als tägliches Verhandeln mit dir selbst. Danach weisst du mehr über dein Muster als nach jedem Vorsatz, und du spürst, wie es dir geht, wie du schläfst, wie du in den Tag startest.
- Wissen statt Moral. Zu verstehen, was Alkohol mit Schlaf, Stimmung und Stresssystem macht, wirkt nachhaltiger als jedes schlechte Gewissen.
- Menschen, die mitgehen. Eine Gemeinschaft, in der du dich verstanden fühlst, ein Kurs oder eine Person, der du Rechenschaft gibst, ersetzt die Hürde, die die Gesellschaft nicht bietet.
Die Grenze: Wann Selbstbau nicht reicht
Selbstgebaute Hürden funktionieren bei Gewohnheiten. Bei einer körperlichen Abhängigkeit reichen sie nicht mehr. Wer morgens schon trinkt, beim Weglassen zittert, schwitzt oder unruhig wird, braucht fachliche Begleitung, zum Beispiel durch die Hausärztin oder eine Suchtfachstelle.
Das ist keine Niederlage, sondern die gleiche Logik wie im Graubereich: Wo die eigene Struktur nicht mehr trägt, holt man sich eine von aussen.
Fazit: Äussere Struktur schafft innere Klarheit
Unser Verhalten ist weniger unabhängig, als wir glauben. Es wird davon geprägt, wie leicht oder schwer uns eine Gewohnheit gemacht wird. Schweden baut die Hürde in den Alltag ein. Bei uns muss jede und jeder sie selbst bauen.
Dafür braucht es keine Moral und keine Verbote. Es braucht den ehrlichen Blick auf die eigene Gewohnheit, ohne die Frage, ob man schon abhängig ist. Die bessere Frage lautet: Wähle ich das Glas wirklich noch frei?
Impulsfragen zur Selbstreflexion
- Welche Aufgabe hat das Glas in meinem Alltag übernommen?
- Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, weniger zu trinken, und wie lange hat es gehalten?
- Wie würde sich mein Alltag verändern, wenn ich für jedes Glas erst eine echte Hürde überwinden müsste?
- Welche Struktur von aussen könnte mir helfen, wo meine Willenskraft nicht reicht?
Wenn du merkst, dass du dich im Graubereich bewegst, und deine Situation sortieren möchtest, lass uns in einem Orientierungsgespräch darüber sprechen. Gerne erzähle ich dir dort auch, welcher Weg mir geholfen hat.
Quellen
- Weltgesundheitsorganisation Europa: No level of alcohol consumption is safe for our health, 4. Januar 2023.
- Lally, P. et al.: How are habits formed: Modelling habit formation in the real world, European Journal of Social Psychology, 2010.
- Royal Free London: Short-term abstinence from alcohol leads to “rapid decrease” of cancer-related growth factors, Studie in BMJ Open, 2018.
- University of Sussex: Take part in Dry January and you’ll reap the benefits for months, Studie 2019.










