Wenn sich die richtige Entscheidung nicht stimmig anfühlt

Im Sommer 2022 lag ein Jobangebot für meinen Mann Christian auf dem Tisch. Eine gute Stelle bei einer grossen Firma in Schweden. Seit unserer ersten Reise in den Norden ein Jahr zuvor wollten wir genau dorthin. Und wir haben abgesagt.

Wir hatten es gründlich gemacht. Pro- und Contra-Listen, lange Gespräche am Küchentisch, Ja sagen, Rückzieher machen. Wir liessen uns sogar von Coaches beraten. Die gaben uns eine Übung mit: In Gedanken entscheiden, 24 Stunden so leben, als wäre es beschlossen, und spüren, was passiert. Dann die Gegenentscheidung, wieder 24 Stunden.

Das Ja fühlte sich irgendwie komisch an. Also sagten wir Nein zu Schweden.

Wir waren danach wie gelähmt, fühlten uns schlecht. Ich habe tagelang getrauert und geweint.

Heute weiss ich: Unser Bauchgefühl hat uns nicht getäuscht. Es hat nur auf etwas anderes geantwortet, als wir dachten. Darum geht es hier: wie du eine gute Entscheidung treffen kannst, wenn sich nichts ganz stimmig anfühlt.

Warten auf grünes Licht

„Hör auf dein Bauchgefühl.“ „Wenn es richtig ist, weisst du es.“ Solche Sätze hören wir ständig, und sie klingen vernünftig. Also warten wir. Auf den Moment, in dem sich die Entscheidung endlich richtig anfühlt.

Viele warten sehr lange. Monate, manchmal Jahre. Über eine Kündigung, eine Trennung, einen Umzug. Jedes Gespräch dreht sich im Kreis, und mit jeder Woche ohne Entscheidung wird es zäher. Irgendwann gibt man auf und bleibt, wo man ist.

Wenn es dir so geht: Das liegt nicht daran, dass du entscheidungsschwach bist oder dich schlecht spürst. Oft liegt es an etwas ganz anderem. An der Frage, die du deinem Gefühl stellst.

Das Gefühl hatte recht. Die Frage war zu grob.

Unsere Frage lautete: Wandern wir nach Schweden aus, ja oder nein? Aber in diese Frage spielte viel mehr hinein. Der Krieg in der Ukraine hatte gerade begonnen, die Inflation kam ins Rollen. Der Job lag in Malmö, mitten in der Kornkammer Schwedens, Felder bis zum Horizont. Wir wollten aber Wald und Seen. Und die Stelle selbst passte inhaltlich nicht wirklich.

Weite Getreidefelder in Südschweden unter hohem Himmel

Als wir uns das Ja vorstellten, spürten wir all das gleichzeitig. Unser Körper sagte Nein, aber zu diesem Ja, in diesem Moment, an diesem Ort. Wir haben es verstanden als: Nein zu Schweden. Und suchten Alternativen. Ein Haus in Italien, Wohnalternativen in der Schweiz. Einer der Berater hätte uns übrigens gerne eine Immobilie in der Schweiz vermittelt. Auch Berater haben Interessen. Das schreibe ich ausdrücklich als Beraterin.

Die Absage an diesen Job haben wir nie wirklich bereut. Bereut haben wir das Nein zu Schweden. Mein Weinen war Ausdruck meiner Trauer, dass Schweden in weite Ferne gerückt war. Zwei Signale, zwei verschiedene Fragen, und wir hatten sie zu einer einzigen Entscheidung verschmolzen.

Die Psychologin Maja Storch beschreibt sehr gut, wie der Körper Situationen bewertet, lange bevor der Verstand fertig ist. Sie nennt diese Signale somatische Marker. Was ich daraus gelernt habe: Der Körper bewertet das Bild, das ich ihm vorlege. Stecken in dem Bild fünf Dinge, antwortet er auf alle fünf auf einmal. Das Gefühl ist dann nicht falsch. Es ist nur nicht die Antwort auf die Frage, die ich zu stellen glaubte.

Nicht jedes schlechte Gefühl ist ein Nein

Die Alternativen zerschlugen sich. In Italien wurden wir uns über den Preis nicht einig, in der Schweiz fanden wir nie den Platz, den wir suchten. Nach einigen Monaten beschlossen wir, doch nach Schweden zu gehen. Diesmal mit einer schärferen Frage: der richtige Job in der richtigen Gegend.

Im Frühjahr 2023 kündigte mein Mann, ohne unterschriebenen Vertrag. Ich bewunderte seinen Mut. Seine Kündigungsfrist war lang, und wir wollten im Herbst umziehen können. Er war sein ganzes Leben auf Sicherheit bedacht gewesen, und jetzt mit 53 so ein Schritt. An dem Tag ging es ihm so schlecht, dass es sogar einem Kollegen auffiel. Es folgten schlaflose Nächte.

War das ein Nein, ein Bereuen dieses Schrittes? Nein. Es war Angst vor dem Ungewissen. Mit jeder Woche wurde sie kleiner, und das gute Gefühl wuchs. Dass er eine passende Stelle finden würde, bezweifelte Christian danach nie mehr. Im September 2023 war der Vertrag unterschrieben, an einem Ort mit Wald und Seen.

Mein Weinen und sein Elend fühlten sich beide schlecht an. Aber sie sagten Verschiedenes. Trauer nach einer Entscheidung zeigt oft, was man verloren hat. Angst vor einem Schritt zeigt oft nur, dass viel auf dem Spiel steht. Nur das eine ist ein Hinweis, dass man falsch entschieden hat.

Was du morgen tun kannst: die Frage zerlegen

Bevor du deinem Gefühl folgst, frag es genauer: Worauf beziehst du dich eigentlich?

Nimm eine Entscheidung, an der du seit Langem hängst. „Soll ich kündigen?“ ist selten eine Frage. Meistens sind es mehrere:

  • Will ich weg von dieser Stelle?
  • Will ich in diesem Beruf bleiben?
  • Ist jetzt der richtige Zeitpunkt?
  • Kann ich mir eine Übergangszeit leisten?
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Schreib jede Teilfrage einzeln auf. Stell dir jeweils das Ja vor und achte darauf, was passiert: Erleichterung, Enge, Unruhe, Trauer. Dann das Nein.

Oft wird es plötzlich klar. Zum Beispiel: Ja zum Weggehen, Nein zum Jetzt. Das ist keine Unentschlossenheit. Das ist ein Plan.

Fazit: Das Gefühl ist genauer als die Frage

Unser Gefühl lag damals nicht daneben. Wir haben es nur zu grob gefragt. Und ein schlechtes Gefühl vor einem grossen Schritt heisst nicht automatisch, dass der Schritt falsch ist.

Eine gute Entscheidung muss sich vorher nicht immer gut anfühlen. Wenn sich etwas nicht hundertprozentig stimmig anfühlt, frag dich: Was genau stört mich? Wie müsste die Entscheidung aussehen, damit es sich besser anfühlt? Oft ist es nur ein Teil, nicht das Ganze.

Wenn du seit Monaten an einer Entscheidung festhängst und deine Situation sortieren möchtest, lass uns in einem Orientierungsgespräch darüber sprechen.

Quellen

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